Zeitschrift für Literatur und Kunst

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Matrix ist eine Veröffentlichung des Pop Verlags

 

 

PETER RÜHMKORF antwortet, FRANCISCA RICINSKI-MARIENFELD fragt

 

Über Sie wurde stets und vielfältig geschrieben. Wenn aber nun nicht von Literaturkritikern oder Rezensenten, sondern von Ihnen selbst, ein einziger Satz über sich und zu den eigenen Werken für ein neues Lexikon der Weltliteratur verlangt würde, wie würde ein solcher Satz lauten?

Ein Allverwender, der sich alle vorhandenen Vorgaben zu einer eigenen mixtura solvens zusammengemischt hat. Ein Cocktailschwenker. Allerdings, die Zusammensetzung ist geheim und der Mixbecherschlenker eine Umspringfigur.

Eine Autogrammstunde scheint für Sie keineswegs eine Pflichtübung zu sein. In Rolandseck nahmen Sie sich viel Zeit, um sich mit jedem Käufer/Leser Ihrer Bücher zu unterhalten. Zwischen Dichter und Lesern entstand ein empathischer Dialog, so authentisch und intensiv, dass Sie Ihre Tabletten vergaßen und Hunger oder Müdigkeit nicht mehr spürten. Erst nachdem sich die lange Schlange sich auflöst hatte, merkten Sie: Ich bin alt und kaputt.

Ja, natürlich. Ich hasse diese quasi unbeteiligten Unterschriftsableistungen. Ich kenne ja die Kollegen und will mich über deren oft lieblos hingeleisteten Unterschriften nicht äußern. Sehen Sie, da tauchen auf einmal aus archaischen Urzeiten bekannte Freunde oder Klassenkameraden auf, bzw. bereits Kinder von einmal vertrauten Freunden oder Freundinnen. Das Heimatdorf Warstade-Hemmoor. Die Oberschule, das Stader „Athenaeum". Die frühen Uni-Jahre und Seminargenossen, die man bereits aus der Erinnerung verloren hatte. Selbst irgendwelche einmal befreundet gewesenen Kumpels aus braunen Nazizeiten – DJ oder HJ – oder viel inniger verbandelte Parteigänger aus unserem kleinen Antinaziclübchen in Stade. Daran kann man doch gar nicht unbeteiligt vorbeigehen. Alles rührt etwas auf. Irgendwo werden einem Geschichten zugetragen, die man entweder gar nicht oder so nicht mehr in der Erinnerung hatte. Bis dann die Stunde naht, wo du merkst, du bist alle. Du kannst nicht mehr. Du gehst auf die 77 zu und möchtest irgendwann gegen 23Uhr30 doch mal was essen und dann auch schleunigst zu Bett.

Alt fühlten Sie sich schon in Ihrer Adoleszenz und auch in den 70-er Jahren, als Sie erst 41 wurden...

Auch für mich nicht ganz uninteressant. Es gibt ja gewisse Motive, die einem schon früh zu schaffen machten oder einen niederdrückten. Aber diese gewisse Abwärtsschleife hab ich niemals widerspruchslos hinnehmen mögen. Immer den Durchhänger überwinden und nach oben wenden wollen. Anders gesagt, am Schluß des Gedichts will weder ich noch das Publikum in den alles verschlingenden Abgrund blicken. Im Zitat nochmal richtig authentisch: „Die Menschheit will am Schluß des Lieds/neu aus den Augen sehen." Kurz, da müssen wir durch. Und zwar gemeinsam. Und vielleicht ist das überhaupt die Kennungslinie meiner eigenen poetischen Signatur, dass ich dieses Bedürfnis nach einer Selbsterhebung aus dem Erdendreck als opinio communis wahrgenommen, ernst genommen und insofern eine Vielzahl von sozialen Imperativen in die Welt gesetzt habe. „Komm raus"! - „Bleib erschütterbar und widersteh"! – „Phönix voran"! – „Einmalig wie wir alle" – „Laß leuchten"! – und was dann als insgemeine Frohe Botschaft verstanden werden kann.

 

Pop- Verlag

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