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Zeitschrift für Literatur und Kunst |
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Matrix ist eine Veröffentlichung des Pop Verlags |
Schöne Aussichten* Personen ER SIE DIENSTMANN EINE PERSON, DEREN GESICHT NICHT ZU ERKENNEN IST ERSTER AKT - ZWEITES BILD (Gleiche Bühnenausstattung, die Darsteller in
gleicher Stellung wie am Schluss des ersten Bildes. Musik. Licht. SIE versucht
ihr Weinen zu unterdrücken. ER erhebt sich auf die Knie, schaut zum DIENSTMANN
hinüber, stellt fest, dass dieser ihn nicht beachtet, und steht auf. Der
DIENSTMANN bewegt sich unwillkürlich, bleibt aber sitzen. ER kniet sich wieder
hin, nimmt SIE in die Arme. SIE hört nicht auf zu weinen, scheint ihre Umgebung
nicht wahrzunehmen.) ER (Versucht sie zu beruhigen.) Ich bin nach wie
vor ein menschliches Wesen. Es war für mich mehr als notwendig, mich zu erheben
... Auch wenn es sich um eine Fiktion gehandelt haben sollte. (Steht auf,
zieht auch SIE hoch. Blickt zum DIENSTMANN hinüber und versichert sich, dass
dieser nichts unternimmt. Bewegt.) Jetzt bin ich im wahrsten Sinne des
Wortes ein Mensch. Du kannst mir vertrauen. Kannst dich auf meine Kräfte
verlassen. (Wendet sich ans Publikum, dreht
auch sie mit einer Handbewegung um und hält sie gleichzeitig an den
Schultern fest. Verschwörerisch.) Spürst du es nicht? Da drüben bereitet
sich etwas vor. Etwas ... für unsere Rettung ... Vielleicht wird gerade die
Rettung unserer ruhelosen Seelen beschlossen. Vielleicht wurde darüber schon
abgestimmt und wir ... unsere Seelen ... sind schon erlöst. Vielleicht sind wir
bereits gerettet und wissen nichts davon ... Vielleicht wartet schon eine
Menschenmenge mit angehaltenem Atem auf unsere Ankunft ... die Rückkehr der
verlorenen Schäfchen, die etwaige Fehler nicht absichtlich gemacht haben. (Macht
eine deutende Handbewegung.) Eher aus Unkenntnis der Umstände. Denn alle
haben sich mit Eimern und Lappen bewaffnet, um dieser anhaftenden Misere zu
Leibe zu rücken, die im Licht verpuffen wird. Auch uns wird man ... selbstverständlich
wird man auch uns ... eine helfende Hand reichen ... damit wir uns schneller säubern
können. Natürlich werden wir nicht im Sonntagsgewand in die Welt hinaustreten
... was auch keineswegs zu empfehlen wäre. (Blickt zum DIENSTMANN hinüber,
der ihn amüsiert und überlegen anlächelt und ihm mit Zeichen bedeutet
fortzufahren. ER erschauert, duckt sich, zieht SIE mit runter. Ein Gedanke setzt
ihm zu. Nach einem Augenblick des Zögerns.) Werden sie nicht befinden, dass
wir viel zu sauber sind? Werden sie nicht annehmen, dass wir sie über den Tisch
ziehen wollten als schamlose Ausbeuter des öffentlichen Mitleids? (ER
betastet sie, SIE betastet ihn und hört plötzlich auf zu weinen.) SIE (Nimmt das Spiel auf, nachdem sie zum DIENSTMANN
hinübergeblickt hat.) Meinst
du nicht auch, wir sollten uns ein bisschen herrichten? Der Schmutzfleck da ...
er wird nicht weiter auffallen. Auch bei der Buchführung ist ein Plus weniger
auffällig als ein Minus, gilt sogar als ... Profit. ER (Springt auf, schlägt sich mit der flachen Hand
an die Stirn.) Wie konnte mir das nur entgehen? (Wirft einen Blick zum DIENSTMANN hinüber.) SIE (Bemerkt seinen Blick. Verschwörerisch.) Vielmehr
könnte das bisschen Schmutz sogar als Zeichen eines Reinigungsversuchs
verstanden werden. Es heißt doch: Eine Hand wäscht die andere ... ER (Begeistert.) Ich beginne an meinen Glücksstern zu
glauben. Den Ur-Instinkt, der ... (Erblickt den DIENSTMANN. Korrigiert
sich.) Den guten Absichten jener, die ... die dich mir in den Weg führten.
Dem Genius jener, die mir zuflüstern ... die mich darauf hinweisen, durch dich
darauf hinweisen, dass diese neue Zeit ... die wir eben jetzt ... aufgerufen
sind zu verwirklichen, uns ungeahnte Erfüllung bringen wird. Erst jetzt werde
ich mich wahrhaftig als Mensch begreifen können. Erst jetzt werde ich, ohne der
Gefahr des Irrtums ausgesetzt zu sein, darüber nachdenken können, welches der
Weg und der Sinn meiner Selbstverwirklichung ist. (Deklamiert pathetisch.) Ich
werde mich voller Selbstverleugnung in die wildesten Ausschweifungen stürzen.
Werde im Sumpf versinken. Werde in die Haut des viehischsten Schweines schlüpfen,
das je existierte. Werde keine Mühe scheuen, um die edelste Aufgabe zu bewältigen,
die es je auf Erden gegeben hat, gibt und geben wird: den Aufstieg zum Rang
eines Menschen. SIE (Von seinem Spiel angetan, bekennend.) Alles für
die Sau! Alles für den Menschen! (Beide beginnen, sich gegenseitig mit
Kleidungsstücken, mit Dreck zu bewerfen. Der DIENSTMANN versucht vergeblich,
sie zu beruhigen. Auch er wird von Kopf bis Fuß beschmutzt. Sie wälzen sich
besessen hin und her. Heidnischer Tanz. Rituell. Ab und zu unterbrochen von
einem unverständlichen Ausruf. Passende
Musik. Der DIENSTMANN zieht sich erstaunt und gedemütigt zurück und säubert
seine Kleidungsstücke.) ER
Ich fühle, wie mir ein Schnuller aus der Stirn wächst. Meinst du, dass
er platzen wird, bis wir jene erreichen, die dort mit aufgerissenen Mäulern auf
uns warten? SIE Du solltest mich lieber
meinen Nagel reinbohren lassen. Vielleicht wächst dann auch mir einer.
Auch wenn’s bloß ein kleiner ist. ER Halt
die Klappe und schau dir dieses Häufchen Dreck an. Meinst du, es würde dein
Schnäuzchen zieren? (Klatscht es ihr auf den Mund.) SIE Du
weißt gar nicht, wie dankbar ich dir bin! Erst jetzt habe ich den echten
Geschmack des Lebens entdeckt. (Erblickt
den Eimer.) Und was meinst du zu diesem randvollen Eimer? Schaffst du es
selber, deine Schnauze reinzustecken, oder brauchst du Hilfe? (Kippt ihm den
Inhalt ins Gesicht.) ER Diese
fettigen Abfälle sind lebendiger als jede Grimasse. Brrr ... Gefühlsduselei. SIE Es
gibt kein erhabeneres Gefühl als das triumphierende Aufjauchzen des Schnullers,
wenn er die Schmutzschichten durchstößt, um sie zu veredeln. Mittlerweile habe
auch ich so einen Knoten bekommen. Meiner sitzt aber im Genick ... ER
So etwas nennt man Diebstahl. Diebstahl von geistigem Eigentum. Diebin,
du musst mir dafür Lizenzgebühren zahlen! Ich bin und bleibe der Erfinder
aller Schnuller. Wehe dir, wenn du deine Schulden nicht sofort begleichst! SIE Huuuuh,
Unersättlicher! Hier gibt es nichts zu fordern! Erlaubt ihm nicht, dass er mich
armes, in Entwicklung begriffenes Wesen ausraubt! Helft mir, ein anderes
Wirtschaftssystem einzuführen! Gewährt mir diese ... diese Begünstigungsklausel.
(ER stürzt sich auf sie, sie wälzen sich erneut auf dem Boden, nähern sich
dem DIENSTMANN, dem es nicht gelingt, sich in Sicherheit zu bringen. Sie bedrängen
ihn und beginnen ihn zu entkleiden. SIE greift sich Zylinderhut und Hosen. ER
den Frack. Sie ziehen die Kleidungsstücke über und führen den wilden Tanz
fort. Auch der DIENSTMANN, nur noch in Hemd mit Fliege und Unterhose, tanzt
verzweifelt und versucht, seine Kleidungsstücke zu ergattern. Doch ohne Erfolg.
Irgendwann hält ER inne, beobachtet den DIENSTMANN hinterhältig grinsend und
stellt ihm ein Bein, sodass er hinfällt. Dann lauert er IHR auf und wirft sich
über sie wie beim Rugby. SIE geht zu Boden. ER packt ihren Fuß und versucht,
ihn an seine Stirn zu pressen.) ER (Schmeichelnd.) Etwas zu viel Jammer,
mein Herzchen, für ein so kleines und braves Persönchen. Es wäre gut, wenn du
nicht über die Stränge schlägst. SIE
(Blickt zuerst zum DIENSTMANN, der regungslos am Boden liegt. Nachdem
sie sich vergewissert hat, dass er sie nicht hört.) Und woher will denn der
Herr wissen, dass ich so klein bin und so ... wie hast du das gemeint? ER
Das spürt man doch auf Distanz: ein kleines Flittchen und damit basta! SIE (Versetzt ihm einen Tritt an den Kopf – ihr Fuß
lag noch auf seiner Stirn.) Vielleicht irrst du dich. Ihr Männer ... Es wäre
besser, wenn ihr euch um eure Angelegenheiten kümmert, statt darüber zu
philosophieren. (ER umfasst mit beiden Händen ihren Fuß, dann erhebt er
sich langsam, indem er sich an ihrem Körper und ihren Schultern festhält.
Ergreift ihre Hand. Sieht sie so an, als ob er zum ersten Mal eine menschliche
Hand sehen würde. Wendet sie hin und her, spreizt die Finger auseinander. In
diesem Augenblick erhebt sich der DIENSTMANN und nähert sich ihnen, gedemütigt
und drohend. Nur SIE bemerkt ihn. ER küsst ihre gespreizten Fingerspitzen, eine
nach der anderen.) SIE (Kichert, während sie mit dem DIENSTMANN Blicke
wechselt.) Ach! ER (Küsst ihren Handteller.) SIE (Wechselt wieder Blicke, leicht ungeduldig.) Ach! ER (Küsst ihren Arm, ihren Hals, ihr Haar.) SIE (Gleiches Spiel mit den Blicken. Immer ungeduldiger.) Ach!
Ach! (Lacht beide schelmisch und unschuldig an. Zu IHM.) Oh, wie weit
willst du denn gehen? (ER zögert einen Augenblick, dann schließt er sie in
seine Arme und küsst sie stürmisch. Der DIENSTMANN versucht, ihn daran zu
hindern. Es kommt zu einem Handgemenge, SIE
wird mal vom einen, mal vom anderen an sich gerissen. Plötzlich stürzt
der DIENST- MANN mit ihr hin, beide wälzen sich auf dem
Boden, kämpfen miteinander. ER versetzt dem DIENSTMANN einen Schlag und befreit
sie, hebt den Zylinder auf, setzt ihn auf, nimmt sie in die Arme und entfernt
sich vom regungslosen DIENSTMANN. SIE kommt zu sich, sieht den DIENSTMANN und
beginnt zu strampeln. Beide fallen hin, kämpfen miteinander, wobei ihr
Widerstand mehr und mehr zur Umarmung wird. Nach einer Weile erholen sich beide,
sind erschöpft. Sie starren verwirrt den DIENSTMANN an, der sich in der
Zwischenzeit aufgerichtet und seinen Zylinder zurückgeholt hat und nun hin und
her marschiert und sich die Hände reibt. Dann starren beide erst eine, dann
eine andere Wand, dann die Zuschauer an. Schließlich streifen sich ihre Blicke
kurz und beide senken beschämt die Lider, nehmen wieder die gleiche Stellung
wie zu Beginn des Spiels ein, laufen dann bis an den Bühnenrand, wo sie
innehalten und den DIENSTMANN beobachten, der weiter patrouilliert, ohne sich
darum zu kümmern, was um ihn her geschieht. Nach einer kurzen Pause springen
beide in den Saal und laufen durch den Mittelgang, bleiben dann stehen. Atmen
schwer. Die Musik hält inne. Beide blicken zur Bühne zurück, wo der
DIENSTMANN weiter patrouilliert. SIE blickt ihn zärtlich an, streicht ihm eine
widerspenstige Locke glatt. Er scheint erschrocken, durch ihr Verhalten eingeschüchtert
und verwirrt.) SIE (Voller Wärme, Zärtlichkeit, Dankbarkeit.) „Wie
ein Bogen Papier, den du faltest, nachdem du das Gedicht aus Raureif und aus Blei geschrieben hast, wird das Licht in uns lebendig bleiben.“ (SIE ergreift seine Hand und zieht ihn mit zum
Ausgang.Als sie die Tür fast erreicht haben, findet der DIENSTMANN auf der Bühne
endlich in die Wirklichkeit zurück und hört auf zu patrouillieren. Will ihnen
nachlaufen, stellt aber fest, dass er fast unbekleidet ist.) DIENSTMANN (Vor Wut erstickt, machtlos,
verzweifelt, mit letzter Kraft.) Halt! Haltet sie zurück, Leute! Ihr seid
verpflichtet, Partei zu ergreifen! Kraft meines Amtes als ... als ... (Verheddert
sich.) Ihr habt mich doch ernannt ... (Im
Befehlston.) Ich befehle euch ... (Zahm.) Ich bitte euch ... (Unterwürfig.)
Ich flehe euch an! (Die beiden verlassen den Saal.) DIENSTMANN (Findet nach und nach zu seiner
Kaltblütigkeit Zurück. An die Zuschauer gewendet.) Das habt ihr mir
eingebrockt, oder? „Dem haben wir’s gezeigt“, das denkt ihr doch ... (Entgegenkommend.)
Ihr liegt ja gar nicht so falsch, seid ziemlich nahe dran. Nur dass ... Na
ja, ihr habt allerdings vergessen, zwei Kleinigkeiten mit zu bedenken, bloß
zwei. (Hinterhältig, drohend.) Diese beiden Kleinigkeiten aber ... die
sind ganz und gar nicht nebensächlich. (Entschieden.) Erstens: Ab jetzt
werdet ihr euch amüsieren ... Ihr habt die beiden jetzt im Rücken, nicht vor
Augen, wie ihr das gewohnt seid. Zweitens: Ihr habt meine Fähigkeiten etwas
unterschätzt ... (Im Saal geht das Licht an. Musik. Wenn die ersten
Zuschauer zu klatschen beginnen oder sich erheben, um den Saal zu verlassen,
sehr autoritär.) Halt! Keiner verlässt den Raum ohne meine ausdrückliche
Zustimmung! (Entgegenkommend.) Mit euch wollte ich eigentlich sprechen,
die ihr freundlicherweise auf euren Plätzen geblieben seid. Die anderen – und
das teile ich euch jetzt im Vertrauen mit, wir sind ja unter Freunden –, die
anderen interessieren mich nicht die Bohne! Sie haben mich vermutlich auch nie
interessiert. Ich will und wollte nichts von ihrer Existenz wissen! Ihr müsst
allerdings verstehen ... Auch ich habe mein Selbstwertgefühl ... meine Ehre als
Dienstmann ... (Mit Nachdruck.) Verehrte Freunde! Verehrtes Auditorium!
Ich werde mich so knapp wie möglich fassen und ganz offen sprechen. Zur Sache.
Keine Angst, ich werde veranlassen, dass die Pause verlängert wird. Ich will
euch nur sagen, dass ... Ohne euch damit das Geringste vorwerfen zu wollen ...
Ihr habt also ... Ihr wart Zeugen einer Sauerei. Einer unbeschreiblichen
Sauerei, die ganz und gar unvereinbar ist mit
den elementarsten Hygienevorschriftendes internen Reglements für die
Erhaltung der Ordnung und Sauberkeit in dieser Institution. Ich diene ihr,
Gott sei’s gedankt, mit Respekt, und diese Einrichtung kann sich nur darüber
freuen, dass ihr in so eindrucksvoller und überwältigender Zahl
erschienen seid. Was hier passiert ist, liebe Freunde, spricht gegen UNS ... Ich
muss euch nämlich gestehen, wenn auch schweren Herzens, dass ... in gleichem Maße
wie, sagen wir mal ... gegebenenfalls ICH schuld daran wäre, in gleichem Maße
auch ihr Schuld auf euch geladen hättet. Denn ihr seid nicht mehr und nicht
weniger als eben Komplizen. (Mit Donnerstimme.) Im Namen jener, die mir
dieses Recht verliehen haben, das heißt in eurem Namen, ebenso wie im Namen des
Reglements, des Artikels und des illustren Paragrafen, der mir gerade
nicht einfällt, den ich aber jedem, der es wünscht, auf Antrag mitteilen kann
... demzufolge klage ich euch des Hochverrats und der Komplizenschaft an, wenn
ihr euch weigern solltet, zu den Eimern und Putzlappen zu greifen, die meine
Kollegen rechtzeitig vorbereitet haben. Sie erwarten euch jetzt im zauberhaft
beleuchteten Foyer. Freunde, ich wünsche euch eine möglichst angenehme Pause! (Ergreift
Lappen, Eimer und Besen und verlässt die Bühne.) Pause
Aus dem Rumänischen übersetzt von Edith
Konradt und Horst Fassel |
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