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Imre Török

Akazienskizze

Neue und alte Geschichten. Phantasieflüge

 

Verlag: Pop, 2009;  ISBN:978-3-937139-69-2

Bezug: Buchhandel Preis: Euro 14.80

Dem Leser blättert sich eine Auswahl von ungefähr fünfzig Erzählungen, Kurzgeschichten und „Prosagedichten“ auf. Zum Teil kennt er einige der Erzählungen und Miniaturen schon aus Töröks anderen Büchern, doch ein guter Teil war bisher noch unveröffentlicht. Die Kritik rühmt ihn als „Meister verschiedener Tonlagen“, dem „Sprache Lebenselixier“ ist.  Und tatsächlich, auch die bereits bekannten Stücke lesen sich in der neuen Zusammenstellung wieder frisch, spannend und unverbraucht.

Seine Phantasieflüge reichen bis zu den Sternen, von der Erde zum Himmel, sie schließen staunende und „philosophierende“ Ameisen und Glühwürmchen mit ein.  Die Geschichten erzählen von Begegnungen in der Heimat und in der Fremde. Viele handeln vom Fremdsein, ein Thema, mit dem Török gut umgehen kann; denn er kam selbst als 14jähriger Flüchtling mit seiner Familie aus Ungarn.

Seine Wortspiele und Doppeldeutigkeiten sind leise-humorvoll und pointiert (z.B. „Über Herrn Fantas Tisch…“).  Er hat viel  Nachdenkenswertes  zu sagen, trägt dabei nie dick auf, wenn er dem Leser einiges zum Thema Minderheit und Fremde, Vorurteile (z.B.. „Begegnung“) ins Herz schreibt.

Zu den Schwerpunkten gehören auch Freundschaft und Zivilcourage,  mit zu den schönsten dieser Erzählungen gehören für mich die Märchen um die Ameise Horatius und das Glühwürmchen Luzius, die mit Humor und Wortwitz das Thema Minderheit in der Fremde beleuchten. Beiden Protagonisten hat Török in früheren Büchern mehrere Fortsetzungen gegönnt. Und einfach weitere „Märchen“, wundersam erzählt, die in anderen Welten spielen, umgedichtet und umgedeutet in die Brüche unserer Zeit (Dornrösia, „Der Ginökschorf“[Froschkönig] ).

In der Titelgeschichte geht es um das unbändige Verlangen nach Freiheit, Flucht und dem tragischen Ende.  Der „Raben-Zyklus“ setzt sich aus mehreren unabhängigen Miniaturen zusammen – die doch wieder ein Ganzes ergeben – und darin meine Lieblingserzählung „Sanfter Hügel“, in der er an seinen Freund schreibt, nachspürt wo er sich jetzt befinden könnte. Über diese Sinnieren und Schreiben kommt ihm der Freund ganz nah, steht bereits hinter ihm.

Der Autor lässt auch Dichterkollegen aus Vergangenheit und Gegenwart zu Wort kommen: Nikolaus Lenau, im damaligen Ungarn geboren, ein ewig Reisender, der sich doch immer nach der Heimat sehnt. Mit ihm lässt Török einen Teil der ungarischen Geschichte an uns vorüberziehen. Mit dem Freiheitsdichter Christian Schubart lässt er uns anlässlich eines fiktiven Besuches des Studenten Wendel Ohnesorg einen Blick hinter die Kulissen der Geschichte nach den Türkenkriegen, Freiheitskriegen, Rückschlägen und visionären Ausflügen ins 3. Jahrtausend werfen. Zuneigung und freundschaftlicher Spott zeigen sich in der Erzählung „Umgebracht von Martin Walser“.

Trotz seiner realistisch-genauen Beobachtung schildert Török poetisch-anrührende Naturbeschreibungen, spielt mit erschreckenden und schönen Zukunftsvisionen. („Das Märchen von der tönenden Kugel“ - das Gegenstück zu Turmbau von Babel). Er spielt mit Worten und Bedeutungen (z. B. „Getürkt“ über seinen eigenen Namen, und über Bedeutungen ungarischer Wörter). Er beschreibt die Sehnsucht nach anderen Ländern (Ägypten – Afrika: „Utete – die Liebe zum Fluss“) mit deren Besonderheiten und Wunderlichkeiten. Humorvoll macht er sich aus tierischem Blickwinkel Gedanken über  Menschen und die Spezies Dichter ins Besondere (Kanalstraße 4). Selbst Liebesgeschichten geraten ihm  ironisch („Der Drucker“) Er denkt über sich selbst nach („Die Fahrt“), über sein erstes Gedicht, das er als 10jähriger in Ungarn schrieb und über die späteren Gedichte. Das alles mit leisem Schalk und Augenzwinkern.

Wer einmal das Glück hatte, Imre Török selbst seine Geschichten und Gedanken vortragen zu hören, wird es mit mir sehr bedauern, dass es immer noch keine Audio-CD von seinen Lesungen gibt. Da  mischen sich Vortrag und Fabulierlust, der Hang zum Märchenhaften mit menschenfreundlicher Vision, das Nachdenken über den Mitmenschen und über sich selbst.

 Für alle, die gern mal bei einer Lesung dabei sein wollen (und in der Nähe von Konstanz wohnen), sei hier schon auf die „Literaturtage Konstanz 2009“ hingewiesen. Imre Török liest am 23. Oktober um 19.00 Uhr Im Kommunalen Kunst- und Kulturzentrum K9.

Über den Autor:

Foto: Gudrun Brzoska

Geboren 1949 in Eger, in Ungarn. 14jährig kommt er 1963 mit seiner Familie nach Deutschland, lernt deutsch, macht Abitur und studiert Philosophie, Geschichte und Germanistik.

Seit 1984 ist er überwiegend freiberuflicher Schriftsteller. Er leitet Workshops, Seminare, Kreatives Schreiben. Ab 1985 ist er Vorsitzender des Baden-Württembergischen Schriftstellerverbandes und seit 2007 der Präsident des Deutschen Schriftstellerverbandes.

Logo Literaturkritik.de literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2009 

Heranwachsend

Ioana Nicolaie thematisiert in „Der Norden“ eine Mädchenkindheit

Von Anke Pfeifer

Der Titel „Der Norden“ assoziiert Kühle, ja Kälte. Diese Gedankenverknüpfung unterstreicht auch das Buchcover, das ein Porträtfoto der Dichterin ziert, deren Haar und schwarze Mütze mit Schnee bestäubt sind. Zwar ist die Lyrikerin tatsächlich im Norden geboren und aufgewachsen, aber es ist der Norden Rumäniens – ganz in der Mitte Europas. Von dieser geographischen Heimat handeln die Gedichte auch. Eher ist es eine emotionale Frostigkeit, die über dem Werk liegt. Gefühle wie Angst, Entsetzen, Trübseligkeit, Gleichförmigkeit und Verlassenheit sind vorherrschend.

Der Band enthält 53 Gedichte, die überwiegend Ein-Wort-Titel tragen, wie „Teer“, „Belauert“, „Damals“ oder „Schämen“. Die meisten der Gedichte haben einen Umfang von ein bis zwei Seiten, lediglich „Rückkehr“ umfasst 18 Seiten und integriert auch Prosapassagen.

Die Gedichte von Ioana Nicolaie zeichnen sich durch eine hohe Ich-Bezogenheit aus. Geboren 1974, ist sie eine Vertreterin jener Generation, die in den 1990er-Jahren debütierte und sich bevorzugt mit dem eigenen Leben, dessen Alltäglichkeiten und ebenso mit traumatischen Erfahrungen künstlerisch auseinandersetzt. In der den Gedichten vorangestellten Widmung erscheinen namentlich neben den Eltern auch alle ihre zehn Geschwister, die in den Poemen Erwähnung finden.

Nicolaie zeichnet die Entwicklung eines Mädchens bis ins junge Erwachsenenalter nach und greift dabei bis auf die Zeit vor ihrer Geburt zurück. Die Lektüre hinterlässt beim Leser einen bedrückenden Eindruck. Ioana Nicolaie präsentiert eine wenig glückliche Kindheit. Immer wieder wird die Mutter ungewollt schwanger, ist von der Arbeit überlastet. Das Ich in den Gedichten fühlt sich ungeliebt und einsam. Schon das Leben des Kindes ist angefüllt mit Arbeit, sei es bei der Beaufsichtigung der jüngeren Geschwister, deren Aufzucht trotz Liebe strapaziös ist, oder bei der Mithilfe in Haus und Garten. Die Rede ist von Armut, Hunger und unerfüllten kindlichen Wünschen. In der Schule scheint das lyrische Ich Außenseiterin zu sein, findet sich hässlich und von anderen beleidigt. Daraus entwickelt sich eine große Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, die die erwachsen Gewordene in der Rückschau dann doch in einzelnen Momenten entdecken kann, etwa dann, wenn der Vater über alles wacht. Nur das lange Gedicht „Rückkehr“ lässt so etwas wie Harmonie und Einssein mit dem Vater oder der Großmutter spüren.

Protokolliert wird die körperliche Entwicklung vom Mädchen zur Frau. Zunächst noch wie ihre Brüder knabenhafter Gestalt und in Hosen gekleidet, fühlt sie sich eher geschlechtslos („die schiefen Knäule der Brüste; die kleben nachts schmerzend; auf deinem rechten Brustbein; du Jungenmädchen“), später als Mädchenmädchen.

Ioana Nicolaie versucht, weiblichem Denken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, besteht dabei auf Authentizität und Übertragung der Wahrheit ins Ästhetische. Sie veröffentlichte in Rumänien seit 2000 unter anderem vier Lyrikbände sowie einen Roman und wird zu den wichtigsten jungen Stimmen der Gegenwartliteratur ihres Landes gezählt. Eva Ruth Wemme hat dazu stimmige Nachdichtungen geschaffen.

Titelbild

Ioana Nicolaie: Der Norden. Gedichte.
Übersetzt aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme.
Pop Verlag, Ludwigsburg 2008.
122 Seiten, 16,30 EUR.
ISBN-13: 9783937139432

Weitere Informationen zum Buch

 

Georgien schenkt verschwenderisch viel Zeit



Karl Wolff Foto: db


Münster - „Georgien ist ein Land, in das man sich nur verlieben kann“, begann der Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Karl Wolff am Mittwoch in der Stadtbücherei die Lesung seines Buches „Von Tiflis nach Tbilissi. Reise zum Ursprung einer Sehnsucht“. Dem Bergland im Süden Europas, das zwischen Türkei und  liegt und ans Schwarze Meer grenzt, widmete der Münsteraner 2007 das Kostbarste, was laut Wolffs Buch ein Mensch hat - die Zeit. „Lass dir die Zeit nicht stehlen, such dich in Georgien, wo es außer Dornen auch Rosen gibt, Orangen, Limonen und Feigen, Brot und Wein für den Gast und Zeit, und Zeit, verschwenderisch viel Zeit, denn nur das Beste ist wert zur Verschwendung,“ - schreibt Wolff in seinem Buch, das jetzt im Pop-Verlag erschienen ist.
Im Dezember 2006 bekam der in Schlesien geborene Germanist als erster Europäer ein Schriftsteller-Stipendium des georgischen Staates und durfte drei Monate mit seiner Frau in diesem Land verbringen. „Ich schrieb das Buch in neun Monaten, das war mein Dank an das wunderbare Land und die georgischen Leute dafür, dass ich sie kennen und lieben lernen durfte.“
Er bereiste die sonnigen Städte und Dörfer, ging zu den Wochenmärkten, stöberte in Bibliotheken und traf sich mit einfachen Leuten auf der Straße. In seiner „Reise zum Ursprung...“ bringt der Philologe ein Kaleidoskop der Eindrücke, Erfahrungen und Begegnungen aufs Papier.
83 Kapitel seines Buches sind kleine Erzählungen zu verschiedenen Themen in vielen Genres. Meisterlich schwingt Karl Wolff von den ernsten Essays über den Osetien-Krieg und mahnende Passagen über die eigene Gefühlswelt hin zu leichter Kost - spöttischen Gedichten über die Politik und Beschreibung der weltberühmten georgischen Küche. So ist die charismatische „Ode an eine Götter Speise“ - dem georgischen Brot „Chatschapuri“ gewidmet.
Der 65-jährige Wortkünstler ist auch Entertainer. Er liest wie ein Schauspieler, wird leiser und lauter, spricht melodisch in allen Oktaven, steht auf, singt, gestikuliert. Zwischen den Zeilen sind die allgegenwärtigen Werte des Schriftstellers, sein Glaube an Frieden, Familie und Liebe zu spüren.
Wolffs umfassendes Wissen lässt der Lehrer am städtischen Gymnasium in Ahlen wie nebenbei einfließen, ohne damit zu blenden. Er begeistert mit historischen Passagen, literarischen Ausflüge und politischen Informationen. Dass Karl Wolffs Buch die Herzen der Georgier berührt, bestätigt ihr zahlreiches Erscheinung zur Buchpräsentation und der Applaus im Stehen, den sie dem Autor am Ende der Lesung schenkten. Das Buch sei wirklich etwas Besonderes, ein Beweis, wie sehr sein Autor Georgien verstehe, sagte ein georgischer Zuhörer.

 VON DARIA BEREZHNITSKAYA

 

 

Kulturtipps von Uli Rothfuss im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg von 24.01.2009

Buch der Woche: Der Norden“ von Ioana Nicolaie

Gedichte wie Bilder, die den Leser hineinziehen mit ihrem magischen Sprachfluss, Teil des Bildes werden lassen. Der Leser gibt schnell allen Widerstand auf und lässt sich einfach, nein, nicht mittreiben, sondern mitreißen von der Wortmacht dieser Dichterin; schon in der deutschen Übersetzung machen die Wortfolgen zittern, wie erst mag es in der rumänischen Ausgangssprache sein? Zweifellos für diese Ausgabe ein Verdienst der Übersetzerin Eva Ruth Wemme.

 

Kulturtipps von Uli Rothfuss in SWO_Buchtipp 210

 

Welche Ausdruckskraft: „... noch verhedderte die Sonne mit ihren paar Zähnen/ die Vorhänge ...“, diese Dichterin findet außergewöhnliche, und doch scheinbar lange gekannte Bilder für ihre inneren Zustände, die sie für uns nach außen bringt, „noch hatte der Morgen weiche Hände ...“ – das sind Ur-Zustände, die mit Worten fassbar gemacht werden.

Ioana Nicolaie holt das Tägliche herein in ihre Gedichte, ohne dass es täglich wirkt. Sie verwendet Alltagssprache, ohne dass das Gedicht in Profanität kippt, im Gegenteil: die Ästhetik dieser Sprache kehrt den Alltag um und verwandelt ihn in Synonyme für höhere Welten, in die wir beim Lesen der Gedichte hineinzureichen versuchen.

Es ist dies nicht zuletzt ein Erinnerungsbuch an Mutter und Vater. Realistisch anmutend, in vielem, und doch hinter dieser Fassade der brüchigen Osthäuser eine liebevoll gepflegte Behausung der sorgsam aufgeschichteten Erinnerung, an frühere Zeiten, die zugleich das Jetzt illustrieren, dass Werden, das Kommen und, vielleicht ferne, Gehen.

„... wenn Poesie nur Entwirren ist,/ verlier dich nicht in ihrem Abgrund“, warnt Ioana Nicolaie. Ihre Dichtung hat Abgründe, und in diesen sich zu verlieren ist der Reiz des Lesens ihrer Gedichte. Aber Poesie ist eben nicht nur Entwirren, sondern vor allem, und vor allem bei ihren Gedichten: Entdecken. Das sollte Vorrang haben, und bei den Gedichten von Ioana Nicolaie verheißt es Fundstücke, welche bleiben.

Ioana Nicolaie: Der Norden, Gedichte, brosch., 122 S., Pop-Verlag, Ludwigsburg 2008, 16.30 Euro

 

oe1.ORF.at 07:00Uhr, Mi, 03.12.2008

Dato Barbakadse zu Gast in Wien

Audio
Länge: 2:54 min
Ö1 Morgenjournal - Kristina Pfoser
"Wozu die reale Welt?", fragt Dato Barbakadse in einem Essay, den er als "Brief aus Tiflis" in den Westen geschickt hat. Kurz nach dem Einmarsch der russischen Truppen im August ist er geflohen - in die virtuelle Welt. "In diesen Tagen im August war ich nur daran interessiert, die Materialien meines österreichischen Projektes möglichst schnell im Internet zu speichern, das heißt in der virtuellen Welt zu verstecken", schreibt Dato Barbakadse. Das österreichische Projekt - das ist eine Buchreihe mit Übersetzungen österreichischer Lyrik, angelegt auf 30 Bände, von denen sechs bereits erschienen sind.

"Wir gehören zum Abendland"
Dato Barbakadse orientiert sich an der europäischen Literatur, vor allem an Trakl, den er ebenso übertragen hat wie Paul Celan oder Hans Magnus Enzensberger. "Wir gehören zum Abendland", betont er - aber: "Innerlich sind wir nicht frei."

1966 in Tiflis geboren, hat Dato Barbakadse Philosophie und Soziologie studiert, er hat mehrere Literaturzeitschriften gegründet und lebt heute als freier Schriftsteller und Übersetzer. Mit dem Stil der offiziellen, ideologisierten Sowjetliteratur ließ sich finanziell gut leben, sagt er, mit einer neuen Literatur, die die Integration in den europäisch-amerikanischen Kulturraum sucht, ist das bis heute nicht gelungen.

"Russland sucht Sklaven"
Dato Barbakadse gilt als scharfer Kritiker seines Landes, wenn es um den Erzfeind Russland geht, ist er um eine differenziere Sicht bemüht. "Russland sucht immer Sklaven und nicht Freunde", sagt Dato Barbakadse, "diese Erfahrung ist uns gut bekannt. Ich bin Schriftsteller und ich kenne die russische Kultur sehr gut, ich spreche fließend Russisch und die russische Literatur ist für mich sehr wichtig. Wir wissen sehr gut, was Russland für uns gemacht hat, aber die Russen sollten auch wissen, was wir für sie getan haben."

Bei Drava und im Ludwigsburger Pop Verlag sind Bücher von Dato Barbakadse in deutscher Übersetzung erschienen.

 

Über Dato Babarkadse, SATT ORG; Nov. 2008  

Dato Barbakadse: Das Dreieck der Kraniche

von Dominik Irtenkauf veröffentlicht in satt.org - das Onlinefeuilleton

Der aktive Leser

Ein Portrait des Autors Dato Barbakadse

Dato Barbakadse, Jahrgang 1966, pendelt häufig zwischen seiner georgischen Heimat (in deren Hauptstadt Tbilissi er mit seiner Familie lebt) und mitteleuropäischen Orten; die Reisen werden ihm durch Stipendien ermöglicht. Ein Flugticket aus Georgien (auch ohne Rückflug) ist für den Großteil der georgischen Bevölkerung zu teuer, ein Visum für EU-Länder erhält man nicht so einfach. Barbakadse hat in dieser Hinsicht Glück – er erhält Einladungen von Verantwortlichen im Bereich der Kultur und in manchen Situationen setzten sich seine Mentoren aus Europa für die Erlangung eines Visums ein.

Barbakadse verfolgt seit einigen Jahren ein ehrgeiziges internationales Übersetzungsprojekt: Ausgewählte österreichische Lyrik soll ins Georgische übersetzt werden. Hierfür mobilisiert Barbakadse viele Übersetzer aus Georgien. An dieser Stelle sollte sich der interessierte Leser nochmals die Größe des Landes in Erinnerung rufen: in Georgien selbst wohnen ungefähr 4 bis 5 Millionen Menschen. Wenn ein Buch die Auflage von 1.000 Stück erreicht, handelt es sich in heutigen Zeiten um einen Bestseller. In Sowjetzeiten sah das noch anders aus: Klassiker wie Konstantine Gamsachurdia (dessen Sohn, Swiad Gamsachurdia, der erste postsowjetische Präsident Georgiens war) oder Otar Tschiladse wurden in 10.000er-Auflagen verlegt.

Dato Barbakadse nimmt sich der österreichischen Literaturgeschichte in dreißig Bänden an; die Übersetzungen in seine Muttersprache werden von ausführlichen Essays und Einführungen begleitet. Gerade jetzt im November 2008 hält sich Barbakadse wieder in Wien auf, um diesem Projekt vor Ort nachgehen zu können. Dieses Jahr erscheint noch eine deutschsprachige Edition seiner Gedichte und Prosa bei einem österreichischen Verlag. Interessanterweise unterhält Österreich in der Republik Georgien keine Botschaft, und so werden die konsularischen Aufgaben von der Botschaft der Ukraine wahrgenommen. Oftmals muß in Kiew persönlich vorgesprochen werden; der Flug will natürlich auch bezahlt sein. Trotz dieser Schwierigkeiten, als georgischer Staatsbürger nach Österreich zu gelangen, arbeitet Barbakadse bereits an den nächsten Bänden des Großprojekts.

Er tritt nicht nur als Herausgeber der österreichischen Lyrik in seinem Heimatland Georgien auf, er schreibt selbst Literatur und hat dieses Jahr mit seiner Frau einen eigenen Verlag gegründet. Seine Gedichte sind vergangenes Jahr im Pop Verlag aus Ludwigsburg zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Seine Übersetzungsarbeit hat nun auch für seine eigenen Werke Früchte getragen. Übersetzt wurden seine Werke von der Berliner Kaukasiologin Steffi Chotiwari-Jünger, die für ihre Übersetzungen aus dem Russischen und Georgischen bekannt ist (sie kann u.a. Publikationen zu Dshawachischwili, Gamsachurdia, Dumbadse und Robakidse vorweisen; allesamt Schriftsteller, die im deutschsprachigen Raum kaum oder gar nicht bekannt sind).

In dem Band „Das Dreieck der Kraniche“ geht Barbakadse der Frage nach Übersetzungsmöglichkeiten nach: Wie kann das Innenleben eines Menschen adäquat in welcher Sprache auch immer ausgedrückt werden? Seine theoretischen Schriften behandeln das Thema einer psychosexuellen Grammatik‘, die auf Positionen französischer Philosophie aufbaut, aber in der Lyrik in konkrete Situationen überführt wird:

„Ich lege meinen Körper in deine Arme.
Mein Körper legt sich an die Schwelle deines Atems.
Ich lege mich in deinen Armen um deinen Körper.
Mein Körper legt sich in deine Augen und deine Gedanken.
Dein Auge umschließt meinen Körper in deinen Armen.
Dein Körper legt sich zusammen mit meinem Körper auf die derbe Unterlage.“

Barbakadse arbeitet häufig mit Wort- oder auch Satzwiederholungen. Georgisch ist im im Gegensatz zum Französischen keine phonetisch homogen klingende Sprache. In französischer Lyrik gehen die Verse oft unmittelbar in eine musikalische Melodie über und der Klang der einzelnen Wörter geht ein wenig verloren (was natürlich nur einen rein subjektiven Eindruck darstellt). Das Georgische zeichnet sich vielmehr durch eine Reihe distinkter Laute aus, die für Europäer nur mit einiger Übung und unter Gefahr des Zungenbrechens artikulierbar sind. Barbakadse arbeitet mit dieser phonetischen Struktur und sicher geht ein wenig in den deutschen Übersetzungen von dieser Eigenheit der Sprache verloren. Andererseits gewinnt auf diese Weise seine Dichtung an Konturen.

Für die Dichtung des Georgiers ist seine eigene Übersetzungsarbeit aus dem Deutschen von nicht geringer Bedeutung. So übersetzte Dato Barbakadse bereits Paul Celan, Georg Trakl und Hans Magnus Enzensberger ins Georgische. Nach eigener Aussage dienten ihm diese Arbeiten zur Emanzipation von den genannten Dichtern. Übersetzung bedeutet für Barbakadse die Arbeit am unheimlich Vertrauten, an fremder Dichtung, die seine eigene zu überschatten droht. Bevor dies geschehen kann, nimmt er sich dieser Gefahr an und verwandelt sie in die eigene Muttersprache. In seinem Gedicht „Die Summe herauskristallisierter Wörter“ geht der Autor und Übersetzer diesem Prozeß nach: die Wörter spielen Fangen mit den Lesern. „Die Wörter verdichten sich, flocken / Und kehren zu uns als Erscheinungen, als Gegenstände / und als Berührungen zurück“. Diese Verdichtung ereignet sich in den einzelnen Gedichten insofern, als daß innere Vorgänge zur Sprache gebracht, sie (an-)faßbar gemacht werden. Barbakadse wählt hierfür zuweilen eine einfache Sprache, zum Beispiel wenn er das „Lied eines Mörders“ anstimmt.

Die Sprache Barbakadses bedient sich keineswegs ausgefallener Vokabeln, aber was die Lektüre stellenweise erschwert, ist die verschachtelte innere Logik der Aussagen. Hier zeigt sich seine philosophische als auch psychologische Ausbildung. Er lehrte mehrere Jahre am Geistlichen Seminar in Tbilissi Philosophie. Der Körper in allen möglichen Situationen und Konstellationen wird zum Thema der knapp 30 Gedichte gemacht. Nie aber tritt der Körper konkret aus den Versen hervor – er bleibt immer Motiv einer Sehnsucht, der Sehnsucht nach der Zeit, als die Krankheiten noch nicht waren und der Mensch noch nicht jeden seiner Schritte überdenken mußte:

„Was dieses, unser karges Sprechen auch immer betreffen mag,
Ich sehe die unsichtbare Ordnung dieses Gesichts,
welches oft
Lediglich als eine einzige unsichtbare Frage existiert,
Und diese Frage ist auch eine lange und mühevolle Reise zueinander –
Durch zahllose Träume oder Wünsche, oder im weißen,
gefrorenen Winter der Armut gegangen,
Durch die Lösung der ineinander aufbewahrten und vergessenen tausendfachen eigenen Einsamkeit,
Durch Lesen und stilles Begreifen.“

Barbakadse ist auch kulturpolitisch tätig: So richtete er im georgischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft ein Stipendienprogramm für ausländische Autoren ein, die drei Monate in Georgien ihren Projekten nachgehen können, die alle einen Bezug zum Land am Kaukasus aufweisen müssen. In dem Programm ist eine Übersetzung der dabei entstehenden Bücher in die Landessprache vorgesehen. Eine weitere Form der Übersetzung vom europäischen ans kaukasische Ufer. Uli Rothfuss schreibt im Vorwort zu Barbakadses Buch:

„dato barbakadses schaffen ist gepraegt von einer grossen belesenheit des autors – nicht als konsumierender, sondern als aktiver leser, der sich kenntnisse anliest, sie einbaut in sein eigenes poetisches weltbild, das so beeinflusst wird:
von den großen denkern der orthodoxie wie johannes von damaskus, johannes goldmund und bassili dem großen, wie auch von den vertretern der klassischen griechischen und deutschen philosophien. auch elemente der auf die metaphysik orientierten intellektuellen literarischen tradition, der radikalen avantgardistischen praxis sowie des modernen, sozialen und ästhetischen linksprotests der europäischen 60er jahre scheinen auf, des georgischen hagiographischen und hymnographischen schrifttums, und natürlich des schaffens der georgischen klassiker von vaja pshavela über david kldiashvili bis michael javakhishvili.“

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer vielleicht: die Übersetzungen ans europäische Ufer werden sicher Fortsetzungen finden. Es ist ein ständiger Prozeß der Selbstvergewisserung. Im Titelgedicht der Sammlung wird dieser Fortgang des lyrischen Schaffens präzise in Worte gefaßt:

„Jeder ist
In seiner ständigen Bewegung,

In jedem Augenblick
Seinen wie einen See harten Spiegel zerbrechend.“


Dato Barbakadse:
Das Dreieck der Kraniche

Kaukasische Bibliothek Bd. 2
Pop Verlag 2007
Br., 80 S., 13.60 €
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von Dichter zu Dichter - eine persönliche Auseinandersetzung Emilian Galaicu Pãuns Yin Time* von Michael Zoch veröffentlicht in

 

Lieber Traian, ich habe „Yin Time" von Galaicu noch nicht komplett durchgelesen, da ich, wie bereits gesagt, seit längerem Tag und Nacht an meinem eigenen neuen Gedichtband schreibe. Mein erster Eindruck ist dieser: Weite, Reichtum, Archaik. Es ist eine Weite in seinen Texten, die geradezu atemberaubend ist, eine Weite, die meinen eigenen Texten weitestgehend abgeht und daher sehe ich Galaicu vor allem auch als Gegenpol bzw. Antipode zu mir und meine eigenen Texten. Ich muss sogar ausdrücklich sagen, dass ich seine Weite gern hätte, sie mir aber natürlich nicht einfach so aufstülpen kann, wenn sie nicht authentisch und wahrhaftig in mir vorhanden ist bzw. nicht in der Form zum Ausdruck gelangt. Galaicus Gedichte sind form- und uferlos, wo ich Maß in der Form bin bzw. Maß in der Form halte und meine eigene Uferlosigkeit eher über die Sprache als solche kommt. Es ist ein großer Reichtum in seinen Gedichten, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann und soll. Sie erinnern mich seltsamerweise an byzantinische Mosaike oder orientalische Teppiche in ihrer verwirrenden Linienführung und ihrem überbordenden Bilderreichtum. Es ist dies eine vollkommen andere Welt als meine eigene, es ist sicherlich auch und vor allem durch und durch rumänisch, mit einer Prise Orient. Meine Welt ist zugleich und zu fast gleichen Teilen und gleichberechtigt nebeneinander Deutsch, Angloamerikanisch und Französisch, was sich sowohl an den Titeln meiner Texte als auch in Klang und Stimmung selbiger zeigt und ausdrückt. Mein Mythos ist das GUTE AMERIKA wie es von Walt Whitman, Jack Kerouac, Henry Miller, Bob Dylan, Johnny Cash, Neil Young, Woodstock repräsentiert wird, in mir ist, vor allem auch als Sehnsucht, die Weite des amerikanischen Kontinents und der Blues der großen Städte. Zugleich bin ich Franzose in der Vision, ich will „Champagnerlyrik", frivol, frech, spritzig, perlend, zärtlich und weich im Ton des Gesangs zugleich. Und ich bin Deutscher, innerlich, von einer gewissen Schwere. Galaicu ist in meinen Augen ganz Osten, ganz östliche Archaik im positivsten Sinne, er ist Erde, seine Gedichte schmecken nach richtigen, selbstgeernteten Kartoffeln. Er ist ganz und gar unberührt vom Westen und dabei ungemein authentisch und er selbst bzw. bei sich selbst. Galaicu ist eher Russland als Amerika und hat dabei etwas, was ich überaus befürworte und als richtig und gut empfinde: Mut zum Pathos! Es herrscht in der zeitgenössischen deutschen Lyrik so eine Tendenz, die ich etwas abfällig als „Mut zur Mittelmäßigkeit" bezeichne. Die zeitgenössische Deutsche Lyrik verrennt sich im Experiment um des Experiments willen und es mangelt ihr an wirklichem, echtem und großem Gefühl. Und genau dieses wird von vielen als Pathos diffamiert und abgekanzelt. Pathos ist richtig, wichtig und gut, wenn der Gefühlszustand pathetisch ist. Man kann nicht einen innerlich großen und pathetischen Moment kleinkon-struieren, nur weil man meint, Pathos sei als solcher schlecht, weil er Pathos ist und weil es ein pseudoavantgardistisches Dogma ist, dass Lyrik heutzutage abgeklärt, lakonisch, zynisch und quasi gefühlsneutral zu sein hat. Und genau dort setzt Galaicu an, indem er den Mut hat, pathetisch zu sein, wo Pathos seine Berechtigung hat und unbedingt von Nöten ist. Und auf dieser Ebene treffen sich unsere Texte nach meinem Empfinden auch und vor allem, bei allen vorhandenen Unterschieden. Es spricht da ein Dichter zu mir, der vollkommen anders ist als ich selber, dessen uferlose Formlosigkeit, vielleicht leider, nicht die meine ist, der aber nach meinem Empfinden mit erstaunlichem Mut und erstaunlicher Authentizität Ähnliches will wie ich. Pathos ist menschlich, urmenschlich und wenn der Dichter alles sagen will, dann muss ihm zwangsläufig auch das Recht zugestanden werden, pathetisch zu sein, alles andere wäre eine Beschneidung, im Grunde eine dogmatisch definierte Zensur. Ich empfinde Galaicus Texte gerade vor dem Hintergrund der zeitgenössischen deutschen Lyrik als Gegenentwurf, als überaus bereichernd und Horizonte öffnend, in mancherlei Hinsicht sind seine Texte ein Schlag ins Gesicht der zeitgenössischen lyrischen Kritzeleien auf poststrukturalistisch-medientheoretischer Basis. Galaicu schöpft direkt aus der Quelle, ja, IST die Quelle, wo so viele deutsche Autoren denktheoretisch zu Werke gehen und sich anscheinend ÜBERLEGEN, was sie denn mal Neues machen könnten, um etwas NEUES zu machen. Galaicu fließt, wo andere denken und Lyrik ist eben ganz ausdrücklich NICHT Denken, sie ist vielleicht im besten und schönsten Fall die Harmonie von Gesang und Gedanke, sie ist vor allem aber Fluss und im Fluss der Dinge sein, sie ist ihrem Ursprung nach Gesang, sie ist wild, unzähmbar und dionysisch. Und genau das finde ich in Galaicus Texten.

 

Wortschätze und Bücher als Meterware

2. Ludwigsburger Literaturfest lockt zum Lesen und Lauschen - Großer Auftritt für kleine Verlage 

Ludwigsburg. Literatur lockt. Auf dem zweiten Ludwigsburger Literaturfest am gestrigen Sonntag haben sich Autoren und Buchhändler präsentiert. Und ein 

lesebegeistertes Publikum hat sich faszinieren lassen von einer Sprache, die mal Musik und mal auch Waffe sein kann.


Von Carola Stadtmüller

Veröffentlicht in und gedruckt am 27.10.2008

Es gibt Menschen, die keine Probleme haben. Menschen, die nie Fragen stellen. "In ihren Reihen müssten jene zu finden sein, die - ohne es zu wissen - am Geheimnis der Freiheit und des vollkommenen Glücks teilhaben", heißt es im Drama "Schön Aussichten" von Traian Pop. Wer also keinen blassen Schimmer hat, dem muss es gut gehen, oder? Pop, der 2003 in Ludwigsburg seinen Pop-Verlag gegründet hat, hat mit diesem Thema seine eigenen Erfahrungen gemacht. Der 1952 in Rumänien geborene Literat, Publizist und Verleger ist Ende der 80er Jahre aus seiner Heimat fortgegangen, weil es dort immer viel zu viel von Ceausescu gab. Kurz davor war Traian Pop, als es dem rumänischen Diktator schon mächtig an den Kragen ging, mit seiner Frau Maria Dorina auf der Straße seiner Heimatstadt Temesvar gegangen. Sie haben gesungen und provoziert. "Da hatte ich Angst", erzählt die Mutter von drei Kindern. Als das Stück ihres Mannes, des aufmüpfigen Autors, das so eben auf die Bühne des Deutschen Staatstheaters gebracht worden war, nach der Premiere verboten wurde, hatte sie keine Angst. Das renommierte Deutsche Staatstheater Temesvar hatte sein 1986 geschriebenes Stück "Schöne Aussichten" auf den Spielplan gesetzt. "Bis zur Generalprobe waren die Herren noch nicht da gewesen", sagt er. Aber die kommunistischen Machthaber kamen noch, und nach einer Aufführung war Schluss. Wer das Poem in drei Akten liest, versteht, warum. Von Freiheit ist die Rede und der Macht der Träume, deren leichte Beute der verführbare Mensch doch ist. Ein Wortschatz mit bitterem Humor. "Oder sollte dir entgangen sein, dass Scherze noch nie zum Arsenal der Mächtigen gehörten?", fragt eine der beiden Hauptpersonen des Dramas. In einer der 40 Lesungen auf dem Literaturfest in Ludwigsburg haben Anselm Roser und Andreas Riga die "Schönen Aussichten" vorgestellt und ein nachdenkliches Publikum hinterlassen. Es ist einfach erschreckend aktuell, was Pop vor 22 Jahren geschrieben hat. 

Seit 2003 verlegt Traian Pop nun von Ludwigsburg aus viele osteuropäische Autoren, aber auch Lyriker aus Frankreich, Deutschland und den USA. Der Standort Ludwigsburg ist für ihn auch nach 18 Jahren noch eine gute Wahl. Hier bleibt er. "Ich habe ein Land verlassen, ich will nicht noch eine Stadt verlassen", sagt er. Auch wenn Ludwigsburg vielleicht kein Autoren-Mekka sei, so existiere doch eine kleine Szene mit guten Autoren. Pop verlegt Hellmut Seiler aus Remseck oder Uli Rothfuss aus Calw. Aber auch der Nachwuchs liegt ihm am Herzen. So las gestern der 2008 mit dem Debüt-Preis für Lyrik des Pop-Verlags ausgezeichnete junge Autor Henning Schönenberger aus seinem Versroman "Sitte und Sittlichkeit".

Das zweite Literaturfest bot aber auch für viele andere eine Bühne: Die Immodestia-Bar in der Maxstraße oder die Get-Shorties-Lesebühne, der Maringo-Verlag und viele andere mehr lockten mit Lesestoff an ihre Stände im Kulturzentrum. Wer lieber lauschen wollte, war in der Kantine, dem Pavillon und im kleinen Saal bestens versorgt. Während des gesamten Festes war die Stadtbibliothek geöffnet und wurde reichlich besucht.

Ein Fest der Literatur aber zeigt sich nicht zuletzt auch daran, welche Bindung Menschen zu Büchern haben. In jedem Stockwerk saßen die Ludwigsburger und lasen oder plauderten über die Literatur und das Lesen. Und aus dem dritten Stock schleppten Leseratten Bücher am laufenden Meter vom Bücherflohmarkt nach unten. In Ludwigsburg wird gelesen - und wie.

27.10.2008 - aktualisiert: 27.10.2008 06:01 Uhr

 

Dato Babarkadse: Den Faden weiterspinnen

veröffentlicht in

Freitag: Die Ost-West-Wochenzeitung  37

von 12 September 2008

BEZIEHUNGSMODELL*Russland muss seinen Imperiumskomplex loswerden. Georgien muss sich der Weltkultur öffnen. Anmerkungen zur Lage im Kaukasus

Ich wohne und arbeite in Tbilissi, in der Hauptstadt Georgiens, wo im Sommer unerträgliche Hitze herrscht. Meine finanzielle Lage erlaubte es mir nicht, mich mit meiner Lebenspartnerin und unseren drei Kindern inmitten der schönen Bergwelt in Westgeorgien oder am Schwarzen Meer zu erholen, deswegen blieben wir in Tbilissi. Außerdem musste ich noch meine Arbeit an den nächsten zwei Bänden der Editionsreihe Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts zu Ende bringen. Dieses Projekt habe ich vor drei Jahren begründet. Es ist geplant, die wichtigsten österreichischen Dichter ins Georgische zu übersetzen und in 30 Bänden herauszugeben. Die ersten vier Bücher sind schon erschienen und in meinem Computer warten noch weitere vier druckfertige Bände dieser Reihe, außerdem hunderte von Materialien, die ich für das Projekt seit vielen Jahren in österreichischen Bibliotheken gesammelt, übersetzt, geschrieben, notiert, kopiert habe. Und plötzlich schien die reale Gefahr auf, dass das alles vernichtet werden könnte.

Gegenüber dieser Realität war ich ohnmächtig. Wie hätte ich meine Familie gegen die drohenden Bomben verteidigen können? Wohin hätten wir flüchten sollen? Und was würde mit dem von mir übersetzten Lyrikbändchen der österreichischen und Georgien eng verbundenen Autorin Marianne Gruber geschehen, das ich mit großer Begeisterung übersetzt habe und das schon in einer Woche in Tbilissi erscheinen sollte? In diesen Tagen war ich nur daran interessiert, die Daten meines Projektes, insgesamt vier Gigabyte, möglichst schnell im Internet zu speichern, das heißt in der virtuellen Welt zu verstecken. Schon dieses Bild verstört mich und scheint mir wie ein Zeichen: Wie sich ein Schriftsteller im 21. Jahrhundert vor der realen Welt verteidigen und in die virtuelle Welt wechseln muss, um Literatur zu retten, die eben für diese reale Welt geschaffen, übersetzt und zusammengetragen wurde; die eben den Dialog zwischen verschiedenen Menschen vermitteln soll, die dichterisch und kulturell aktiv sind.

Gleich nachdem die Gefahr, in Tbilissi bombardiert zu werden, gegenstandslos geworden war, setzte ich die Arbeit an dem Projekt wie ein Verrückter fort. Das war ein seelischer Zustand, den die Ärzte als "posttraumatischen Stress" bezeichnen. Bis heute bleibe ich - wie alle georgischen Intellektuellen - unruhig, denn es ist sichtbar, dass alles, was zurzeit in Georgien läuft, über viele Fäden mit der Weltpolitik verbunden ist. Georgien ist ein winziger und doch wichtiger Teil dieser politischen und kulturellen Kette.

Wie hat die Mehrheit der Bevölkerung auf die Militäraktionen reagiert? Ganz unterschiedlich. Die Reaktion der USA und des Westens hat die allgemeine Stimmung eindeutig positiv beeinflusst. Die Georgier hatten das Gefühl, nicht allein gelassen zu werden. Die Leute, die Russland als wichtigstes Partnerland betrachteten, das Georgien und den ganzen Kaukasus vor der USA zu verteidigen hat, waren natürlich sehr enttäuscht. Selbst bei ihnen wuchsen die Zweifel, dass die Russen die Rechte der Zivilbevölkerung respektierten.

Trotz alledem sendet das georgische Volk keine Botschaft der Verzweiflung an die Welt. Wir Georgier verstehen und respektieren die kulturelle Sprache der modernen Welt. Und da liegt für mich das Problem Russlands. Dieses Land pflegt ein veraltetes Beziehungsmodell. Russland kommuniziert mit der Welt nicht nur in einer veralteten, sondern gleichsam in einer ausgestorbenen Sprache: Verglichen mit den ausgestorbenen Sprachen, die ihre historisch-kulturelle und philologische Bedeutung niemals verlieren werden, hat die russische politisch-kulturelle Sprache ihre Bedeutung aber schon lange verloren. Sie ist nicht nur unbrauchbar und unverständlich, sondern auch gefährlich für die kulturelle Welt, denn diese Sprache basiert nicht auf der Philosophie der Partnerschaft mit anderen Ländern. Wo bleiben in dieser Situation die Stimmen der russischen Intellektuellen gegen die überzogenen Reaktionen ihrer Regierung? Nur wenn es den russischen Schriftstellern, Künstlern, Philosophen und Wissenschaftlern gelingt, sich von der Tradition des Chauvinismus zu trennen, wird die restliche Welt ihre Stimme hören und akzeptieren.

Was die aktuelle Krise anbetrifft, muss man vielleicht an die Vorgeschichte des aktuellen Konflikts erinnern. Schon vor 200 Jahren hatte Russland damit begonnen, den Kaukasus zu erobern. Wir Georgier waren in unserer Geschichte immer auf der Suche nach Partnern und Freunden, die uns behilflich sein könnten, unsere Identität zu verteidigen. Deswegen hat Georgien im Jahr 1783 einen Freundschaftspakt mit Russland geschlossen, den Russland aber bald einseitig aufgekündigt hat. Im Jahr 1801 hat es das Königtum in Georgien abgeschafft. Der Prozess der Annexion Georgiens dauerte lange, und Russland hat ihn im Jahr 1864 mit der Annexion des Fürstentums Abchasien beendet. Danach hat Russland immer das Ziel verfolgt, sowohl Georgien als auch den ganzen Kaukasus zu russifizieren. Was immer man den Kaukasus-Länder vorwerfen kann - darf man ihnen verübeln, dass sie vor diesem Hintergrund allergisch gegen den Imperiumskomplex der Russen geworden sind? Sie haben zu oft die Erfahrung gemacht, dass Russland die altrömische Strategie benutzt, die Einheit der umgebenden Völker zu spalten und sie gegen einander zu treiben. Von diesem Komplex muss sich das Land befreien.

Ich kümmere mich wenig um Politik. Schon vor über 15 Jahren habe ich meinem Buch Poesie und Politik die Ansicht formuliert, dass sich diese zwei wesentlichen menschlichen Äußerungsformen eigentlich fremd gegenüberstehen. Trotzdem beeinflussen sie sich sehr stark. Aus historischer Sicht sind die Beziehung zwischen Russland und Georgien sehr vielschichtig. Diese Länder verbindet nicht nur Feindschaft, sondern auch eine lange Geschichte enger politischer und kultureller Kontakte. Gleichzeitig fühlte sich Georgien beleidigt, wurde unser Land unbegreiflicherweise doch immer wieder bestraft für seine Treue zu Russland. Und leider hat Russland oft genug versucht, einerseits die kulturellen Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen des Kaukasus zu behindern und andererseits den kulturellen Dialog zwischen dem Kaukasus und dem Westen zu stören.

Damit ich nicht einseitig wirke: Ich bin in meinem Land als unaufhörlicher Kritiker des georgischen Lebensstiles und einer besonderen Mentalität bekannt, die alle Bereiche des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in Georgien erobert hat. Dieser Lebensstil ist emotions- und konsumgesteuert. Er richtet sich nach wechselnden Moden, ist hedonistisch und wird nicht, wie die Philosophen sagen würden, von "geistigen" Interessen geleitet. Natürlich gibt es das bei vielen anderen Nationen auch. Aber in Georgien ist dieses Manko sehr stark ausgeprägt. Allerdings wurzelten diese Fehlentwicklungen auch in der tragischen Geschichte unseres Landes. Selten gab es in der georgischen Geschichte eine Zeit der Ruhe, unsere Identität mussten wir immer gegen mächtigere Länder oder Imperien verteidigen.

Was Russland und Europa von einander unterscheidet, ist, dass Russland immer noch von seiner sowjetischen Vergangenheit geprägt ist. Der Westen hat sich in einem langen, widersprüchlichen Lernprozess von seiner kolonialistischen Praxis einigermaßen verabschiedet, auch wenn sie immer noch hier und da wieder aufscheint. Nicht unbedingt aus humanistischen, sondern aus rein pragmatischen Gründen: Die Dialektik der Opposition Herrscher-Knecht schädigt nicht zuletzt eben auch die Interessen des Herrschers. Die Philosophen kennen den genialen Paragraphen aus Hegels Werk Die Phänomenologie des Geistes, aus dem man diese Moral herauslesen kann. Vielleicht sollte sich Russland auch auf diesen Weg begeben.

Georgien hat einen großen Lernbedarf. Das Bestreben, sich der Welt als ein Land zu zeigen, in dem eben die Kultur den Ton angibt, ist nicht sehr weit entwickelt. Gering sind die Anstrengungen, sich nicht nur als ein Land zu präsentieren, das sich in der großen kulturellen Vergangenheit sonnt, sondern in dem auch die zeitgenössische georgische Kultur geschätzt und unterstützt wird. Denn die Realität sieht so aus: Die Kultur wird heute in Georgien als Ergänzung zu Politik und Wirtschaft betrachtet. Ich persönlich werde mich nur dann glücklich fühlen, wenn es Georgien gelingt, sich an den europäischen Diskursen der Gegenwart auszurichten und nicht einzig an unserer kulturellen Vergangenheit oder der geopolitischen Gegenwart. Vor allem dürfen wir die Funktion eines russischen Satelliten nicht gegen die eines geopolitischen Faustpfands des Westens eintauschen. Meine Vorstellung von einem Georgien der Zukunft sieht anders aus: Georgien muss sich der Weltkultur öffnen und nützlich für sie werden. Dazu ist es aber notwendig, die Kultur zu stärken und ihre Grundlagen zu rationalisieren: die Funktion, die in den großen und reichen Ländern Mäzene und private Stiftungen haben, muss in Georgien der Staat übernehmen. Nur so lässt sich die Kultur bei uns strukturell und dauerhaft stärken.

Alles braucht seine Zeit. Ich bin fest davon überzeugt, dass die europäischen Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht für immer nur Ideale bleiben werden. Es wird der Menschheit einmal gelingen, diese Ideale erst in ihrem Herzen und dann in der Welt zu verwirklichen. In Georgien und in Russland. Einen Vorteil hat der posttraumatische Stress für mich selbst letzten Endes doch gehabt. Denn in den schrecklichen Augusttagen in Tbilissi ist es mir nun endgültig gelungen, auf die Grundsatzfrage "Wozu Dichtung?" meine eigene Antwort zu finden. Diese Antwort ist einfach: damit die reale innerliche Welt, auf der die reale äußere Welt basiert, nicht aufhört, sich zu drehen; damit der Wille zur Dichtung und das heißt: der Wille zum Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen, für immer fortgesetzt werden kann.

 

Rheinische Post von 15.02.2008

Maria-Ensle-Preis

für Dr. H.C. Dieter Schlesak

Die Kunststiftung Baden Württemberg verlieh  unserem Redaktionsrat-Mitglied den Preis am 28.11.2007 im Literaturhaus Stuttgart. Anbei ein Auszug aus dem 2005 veröffentlichten Interviewmit dem ausgezeichneten Dichter.* Ich bin ein Grenzgänger, auch in Dingen des Wohnsitzes und der Landeszugehörigkeit. Eigentlich aber bin ich in

* Rodica Draghincescu: Schreibenleben, POP-Verlag, 2005

Deutschland, Rumänien, Italien; drei Leben, drei Erfahrungen,  Schreiben in der Muttersprache Deutsch in fremder Umgebung. Mein Trauma, aber auch mein Erkenntnismittel ist das Nicht-Dazugehören. Schon in Bukarest, bevor ich Deutschland kannte, bevor ich überhaupt die Grenze des Landes überschreiten durfte,Du musst Jude sein. Stimmt es etwa nicht? Von Marina Zwetajewa, der russischen Lyrikerin, stammt ein erhellendes Wort: Bce poety jidy – alle Dichter sind Juden, d.h., sie bleiben immer Fremde und sie gehen einem Handwerk nach, das, laut Paul Celan, keinen goldenen Boden, sogar überhaupt keinen Boden hat. Identität gibt es also für diese »Fremden« nur punktuell, nämlich im Augenblick der inspirierten Selbstherstellung via Schreiben, denn Sprache ist der einzige feste Boden, die stärkste Kraft dieses verhinderten Vogels, der da Mensch heißt, mit dem Vogel freilich im Kopf.“ Schlesak erhielt den Preis für sein Gesamtwerk. Schon mit dem Debütroman Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens (ein Panorama des vergangenen Jahrhunderts, eine Sondage von Europas Untiefen) war er 1986 seiner Zeit voraus. Es folgten zahlreiche Romane, Gedichtbände, Essays, die ein so vielstimmiges wie eigenwilliges Gesamtwerk entstehen ließen und dessen Wirkung in keinem Verhältnis zu seiner großen Bedeutung steht.

Das Bundesverdienstkreuz 

für unseren Redakteur Stefan Gemmel

Bundespräsident Horst Köhler 

und Stefan Gemmel 

(Bild: A. Szillat)

 

Für seinen besonderen Einsatz, vor allem für seine außergewöhnlichen Lesungen, in denen er spannend, lustig und informativ zugleich Kinder und Jugendliche für das Lesen begeistert, sowie für sein ehrenamtliches Engagement in der literarischen Nachwuchsförderung, wurde ihm im September vom Bundespräsidenten Horst Köhler in Berlin das Bundesverdienstkreuz verliehen. Das Redaktionsteam von Matrix freut sich, einige literarische Texte dieser von Gemmel geförderten Jungtalente bereits in unserer Debüt-Rubrik veröffentlicht zu haben. Wir gratulieren Stefan für diese hohe Anerkennung und wünschen ihm weiterhin große Erfolge! Leider wird er aus persönlichen Gründen seine Arbeit und sein Engagement als Matrix-Redakteur nicht mehr fortsetzen; dennoch bieten wir -so wie bisher - ihm und seinen „Entdeckungen" die Seiten unserer Literatur- und Kulturzeitschrift an.

 

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