|
|
Akazienskizze
Neue und alte Geschichten. Phantasieflüge
Verlag: Pop, 2009; ISBN:978-3-937139-69-2 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 14.80 Dem Leser blättert sich eine Auswahl von ungefähr fünfzig Erzählungen, Kurzgeschichten und „Prosagedichten“ auf. Zum Teil kennt er einige der Erzählungen und Miniaturen schon aus Töröks anderen Büchern, doch ein guter Teil war bisher noch unveröffentlicht. Die Kritik rühmt ihn als „Meister verschiedener Tonlagen“, dem „Sprache Lebenselixier“ ist. Und tatsächlich, auch die bereits bekannten Stücke lesen sich in der neuen Zusammenstellung wieder frisch, spannend und unverbraucht. Seine Phantasieflüge reichen bis zu den Sternen, von der Erde zum Himmel, sie schließen staunende und „philosophierende“ Ameisen und Glühwürmchen mit ein. Die Geschichten erzählen von Begegnungen in der Heimat und in der Fremde. Viele handeln vom Fremdsein, ein Thema, mit dem Török gut umgehen kann; denn er kam selbst als 14jähriger Flüchtling mit seiner Familie aus Ungarn. Seine Wortspiele und Doppeldeutigkeiten sind leise-humorvoll und pointiert (z.B. „Über Herrn Fantas Tisch…“). Er hat viel Nachdenkenswertes zu sagen, trägt dabei nie dick auf, wenn er dem Leser einiges zum Thema Minderheit und Fremde, Vorurteile (z.B.. „Begegnung“) ins Herz schreibt. Zu den Schwerpunkten gehören auch Freundschaft und Zivilcourage, mit zu den schönsten dieser Erzählungen gehören für mich die Märchen um die Ameise Horatius und das Glühwürmchen Luzius, die mit Humor und Wortwitz das Thema Minderheit in der Fremde beleuchten. Beiden Protagonisten hat Török in früheren Büchern mehrere Fortsetzungen gegönnt. Und einfach weitere „Märchen“, wundersam erzählt, die in anderen Welten spielen, umgedichtet und umgedeutet in die Brüche unserer Zeit (Dornrösia, „Der Ginökschorf“[Froschkönig] ). In der Titelgeschichte geht es um das unbändige Verlangen nach Freiheit, Flucht und dem tragischen Ende. Der „Raben-Zyklus“ setzt sich aus mehreren unabhängigen Miniaturen zusammen – die doch wieder ein Ganzes ergeben – und darin meine Lieblingserzählung „Sanfter Hügel“, in der er an seinen Freund schreibt, nachspürt wo er sich jetzt befinden könnte. Über diese Sinnieren und Schreiben kommt ihm der Freund ganz nah, steht bereits hinter ihm. Der Autor lässt auch Dichterkollegen aus Vergangenheit und Gegenwart zu Wort kommen: Nikolaus Lenau, im damaligen Ungarn geboren, ein ewig Reisender, der sich doch immer nach der Heimat sehnt. Mit ihm lässt Török einen Teil der ungarischen Geschichte an uns vorüberziehen. Mit dem Freiheitsdichter Christian Schubart lässt er uns anlässlich eines fiktiven Besuches des Studenten Wendel Ohnesorg einen Blick hinter die Kulissen der Geschichte nach den Türkenkriegen, Freiheitskriegen, Rückschlägen und visionären Ausflügen ins 3. Jahrtausend werfen. Zuneigung und freundschaftlicher Spott zeigen sich in der Erzählung „Umgebracht von Martin Walser“. Trotz seiner realistisch-genauen Beobachtung schildert Török poetisch-anrührende Naturbeschreibungen, spielt mit erschreckenden und schönen Zukunftsvisionen. („Das Märchen von der tönenden Kugel“ - das Gegenstück zu Turmbau von Babel). Er spielt mit Worten und Bedeutungen (z. B. „Getürkt“ über seinen eigenen Namen, und über Bedeutungen ungarischer Wörter). Er beschreibt die Sehnsucht nach anderen Ländern (Ägypten – Afrika: „Utete – die Liebe zum Fluss“) mit deren Besonderheiten und Wunderlichkeiten. Humorvoll macht er sich aus tierischem Blickwinkel Gedanken über Menschen und die Spezies Dichter ins Besondere (Kanalstraße 4). Selbst Liebesgeschichten geraten ihm ironisch („Der Drucker“) Er denkt über sich selbst nach („Die Fahrt“), über sein erstes Gedicht, das er als 10jähriger in Ungarn schrieb und über die späteren Gedichte. Das alles mit leisem Schalk und Augenzwinkern. Wer einmal das Glück hatte, Imre Török selbst seine Geschichten und Gedanken vortragen zu hören, wird es mit mir sehr bedauern, dass es immer noch keine Audio-CD von seinen Lesungen gibt. Da mischen sich Vortrag und Fabulierlust, der Hang zum Märchenhaften mit menschenfreundlicher Vision, das Nachdenken über den Mitmenschen und über sich selbst. Für alle, die gern mal bei einer Lesung dabei sein wollen (und in der Nähe von Konstanz wohnen), sei hier schon auf die „Literaturtage Konstanz 2009“ hingewiesen. Imre Török liest am 23. Oktober um 19.00 Uhr Im Kommunalen Kunst- und Kulturzentrum K9. Über den Autor: Foto:
Gudrun Brzoska Geboren 1949 in Eger, in Ungarn. 14jährig kommt er 1963 mit seiner Familie nach Deutschland, lernt deutsch, macht Abitur und studiert Philosophie, Geschichte und Germanistik. Seit 1984 ist er überwiegend freiberuflicher Schriftsteller. Er leitet Workshops, Seminare, Kreatives Schreiben. Ab 1985 ist er Vorsitzender des Baden-Württembergischen Schriftstellerverbandes und seit 2007 der Präsident des Deutschen Schriftstellerverbandes.
|
|
||
Georgien schenkt verschwenderisch viel Zeit
Gedichte wie Bilder, die den Leser hineinziehen mit ihrem magischen Sprachfluss, Teil des Bildes werden lassen. Der Leser gibt schnell allen Widerstand auf und lässt sich einfach, nein, nicht mittreiben, sondern mitreißen von der Wortmacht dieser Dichterin; schon in der deutschen Übersetzung machen die Wortfolgen zittern, wie erst mag es in der rumänischen Ausgangssprache sein? Zweifellos für diese Ausgabe ein Verdienst der Übersetzerin Eva Ruth Wemme.

Welche Ausdruckskraft: „... noch verhedderte die Sonne mit ihren paar Zähnen/
die Vorhänge ...“, diese Dichterin findet außergewöhnliche, und doch
scheinbar lange gekannte Bilder für ihre inneren Zustände, die sie für uns
nach außen bringt, „noch hatte der Morgen weiche Hände ...“ – das sind
Ur-Zustände, die mit Worten fassbar gemacht werden.
Ioana Nicolaie holt das Tägliche herein in ihre Gedichte, ohne dass es täglich
wirkt. Sie verwendet Alltagssprache, ohne dass das Gedicht in Profanität kippt,
im Gegenteil: die Ästhetik dieser Sprache kehrt den Alltag um und verwandelt
ihn in Synonyme für höhere Welten, in die wir beim Lesen der Gedichte
hineinzureichen versuchen.
Es ist dies nicht zuletzt ein Erinnerungsbuch an Mutter und Vater. Realistisch
anmutend, in vielem, und doch hinter dieser Fassade der brüchigen Osthäuser
eine liebevoll gepflegte Behausung der sorgsam aufgeschichteten Erinnerung, an
frühere Zeiten, die zugleich das Jetzt illustrieren, dass Werden, das Kommen
und, vielleicht ferne, Gehen.
„... wenn Poesie nur Entwirren ist,/ verlier dich nicht in ihrem Abgrund“,
warnt Ioana Nicolaie. Ihre Dichtung hat Abgründe, und in diesen sich zu
verlieren ist der Reiz des Lesens ihrer Gedichte. Aber Poesie ist eben nicht nur
Entwirren, sondern vor allem, und vor allem bei ihren Gedichten: Entdecken. Das
sollte Vorrang haben, und bei den Gedichten von Ioana Nicolaie verheißt es
Fundstücke, welche bleiben.
Ioana Nicolaie: Der Norden, Gedichte, brosch., 122 S., Pop-Verlag, Ludwigsburg
2008, 16.30 Euro
Über
Dato Babarkadse, SATT ORG; Nov. 2008
![]() von Dominik Irtenkauf veröffentlicht in
Der aktive LeserEin Portrait des Autors Dato BarbakadseDato Barbakadse, Jahrgang 1966, pendelt häufig zwischen seiner georgischen Heimat (in deren Hauptstadt Tbilissi er mit seiner Familie lebt) und mitteleuropäischen Orten; die Reisen werden ihm durch Stipendien ermöglicht. Ein Flugticket aus Georgien (auch ohne Rückflug) ist für den Großteil der georgischen Bevölkerung zu teuer, ein Visum für EU-Länder erhält man nicht so einfach. Barbakadse hat in dieser Hinsicht Glück – er erhält Einladungen von Verantwortlichen im Bereich der Kultur und in manchen Situationen setzten sich seine Mentoren aus Europa für die Erlangung eines Visums ein. Barbakadse verfolgt seit einigen Jahren ein ehrgeiziges internationales Übersetzungsprojekt: Ausgewählte österreichische Lyrik soll ins Georgische übersetzt werden. Hierfür mobilisiert Barbakadse viele Übersetzer aus Georgien. An dieser Stelle sollte sich der interessierte Leser nochmals die Größe des Landes in Erinnerung rufen: in Georgien selbst wohnen ungefähr 4 bis 5 Millionen Menschen. Wenn ein Buch die Auflage von 1.000 Stück erreicht, handelt es sich in heutigen Zeiten um einen Bestseller. In Sowjetzeiten sah das noch anders aus: Klassiker wie Konstantine Gamsachurdia (dessen Sohn, Swiad Gamsachurdia, der erste postsowjetische Präsident Georgiens war) oder Otar Tschiladse wurden in 10.000er-Auflagen verlegt. Dato Barbakadse nimmt sich der österreichischen Literaturgeschichte in dreißig Bänden an; die Übersetzungen in seine Muttersprache werden von ausführlichen Essays und Einführungen begleitet. Gerade jetzt im November 2008 hält sich Barbakadse wieder in Wien auf, um diesem Projekt vor Ort nachgehen zu können. Dieses Jahr erscheint noch eine deutschsprachige Edition seiner Gedichte und Prosa bei einem österreichischen Verlag. Interessanterweise unterhält Österreich in der Republik Georgien keine Botschaft, und so werden die konsularischen Aufgaben von der Botschaft der Ukraine wahrgenommen. Oftmals muß in Kiew persönlich vorgesprochen werden; der Flug will natürlich auch bezahlt sein. Trotz dieser Schwierigkeiten, als georgischer Staatsbürger nach Österreich zu gelangen, arbeitet Barbakadse bereits an den nächsten Bänden des Großprojekts. Er tritt nicht nur als Herausgeber der österreichischen Lyrik in seinem Heimatland Georgien auf, er schreibt selbst Literatur und hat dieses Jahr mit seiner Frau einen eigenen Verlag gegründet. Seine Gedichte sind vergangenes Jahr im Pop Verlag aus Ludwigsburg zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Seine Übersetzungsarbeit hat nun auch für seine eigenen Werke Früchte getragen. Übersetzt wurden seine Werke von der Berliner Kaukasiologin Steffi Chotiwari-Jünger, die für ihre Übersetzungen aus dem Russischen und Georgischen bekannt ist (sie kann u.a. Publikationen zu Dshawachischwili, Gamsachurdia, Dumbadse und Robakidse vorweisen; allesamt Schriftsteller, die im deutschsprachigen Raum kaum oder gar nicht bekannt sind). In dem Band „Das Dreieck der Kraniche“ geht Barbakadse der Frage nach Übersetzungsmöglichkeiten nach: Wie kann das Innenleben eines Menschen adäquat in welcher Sprache auch immer ausgedrückt werden? Seine theoretischen Schriften behandeln das Thema einer psychosexuellen Grammatik‘, die auf Positionen französischer Philosophie aufbaut, aber in der Lyrik in konkrete Situationen überführt wird: „Ich lege meinen Körper in deine Arme. Barbakadse arbeitet häufig mit Wort- oder auch Satzwiederholungen. Georgisch ist im im Gegensatz zum Französischen keine phonetisch homogen klingende Sprache. In französischer Lyrik gehen die Verse oft unmittelbar in eine musikalische Melodie über und der Klang der einzelnen Wörter geht ein wenig verloren (was natürlich nur einen rein subjektiven Eindruck darstellt). Das Georgische zeichnet sich vielmehr durch eine Reihe distinkter Laute aus, die für Europäer nur mit einiger Übung und unter Gefahr des Zungenbrechens artikulierbar sind. Barbakadse arbeitet mit dieser phonetischen Struktur und sicher geht ein wenig in den deutschen Übersetzungen von dieser Eigenheit der Sprache verloren. Andererseits gewinnt auf diese Weise seine Dichtung an Konturen. Für die Dichtung des Georgiers ist seine eigene Übersetzungsarbeit aus dem Deutschen von nicht geringer Bedeutung. So übersetzte Dato Barbakadse bereits Paul Celan, Georg Trakl und Hans Magnus Enzensberger ins Georgische. Nach eigener Aussage dienten ihm diese Arbeiten zur Emanzipation von den genannten Dichtern. Übersetzung bedeutet für Barbakadse die Arbeit am unheimlich Vertrauten, an fremder Dichtung, die seine eigene zu überschatten droht. Bevor dies geschehen kann, nimmt er sich dieser Gefahr an und verwandelt sie in die eigene Muttersprache. In seinem Gedicht „Die Summe herauskristallisierter Wörter“ geht der Autor und Übersetzer diesem Prozeß nach: die Wörter spielen Fangen mit den Lesern. „Die Wörter verdichten sich, flocken / Und kehren zu uns als Erscheinungen, als Gegenstände / und als Berührungen zurück“. Diese Verdichtung ereignet sich in den einzelnen Gedichten insofern, als daß innere Vorgänge zur Sprache gebracht, sie (an-)faßbar gemacht werden. Barbakadse wählt hierfür zuweilen eine einfache Sprache, zum Beispiel wenn er das „Lied eines Mörders“ anstimmt. Die Sprache Barbakadses bedient sich keineswegs ausgefallener Vokabeln, aber was die Lektüre stellenweise erschwert, ist die verschachtelte innere Logik der Aussagen. Hier zeigt sich seine philosophische als auch psychologische Ausbildung. Er lehrte mehrere Jahre am Geistlichen Seminar in Tbilissi Philosophie. Der Körper in allen möglichen Situationen und Konstellationen wird zum Thema der knapp 30 Gedichte gemacht. Nie aber tritt der Körper konkret aus den Versen hervor – er bleibt immer Motiv einer Sehnsucht, der Sehnsucht nach der Zeit, als die Krankheiten noch nicht waren und der Mensch noch nicht jeden seiner Schritte überdenken mußte: „Was dieses, unser karges Sprechen auch immer betreffen mag, Barbakadse ist auch kulturpolitisch tätig: So richtete er im georgischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft ein Stipendienprogramm für ausländische Autoren ein, die drei Monate in Georgien ihren Projekten nachgehen können, die alle einen Bezug zum Land am Kaukasus aufweisen müssen. In dem Programm ist eine Übersetzung der dabei entstehenden Bücher in die Landessprache vorgesehen. Eine weitere Form der Übersetzung vom europäischen ans kaukasische Ufer. Uli Rothfuss schreibt im Vorwort zu Barbakadses Buch: „dato barbakadses schaffen ist gepraegt von einer grossen belesenheit des autors – nicht als konsumierender, sondern als aktiver leser, der sich kenntnisse anliest, sie einbaut in sein eigenes poetisches weltbild, das so beeinflusst wird: Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer vielleicht: die Übersetzungen ans europäische Ufer werden sicher Fortsetzungen finden. Es ist ein ständiger Prozeß der Selbstvergewisserung. Im Titelgedicht der Sammlung wird dieser Fortgang des lyrischen Schaffens präzise in Worte gefaßt: „Jeder ist Dato Barbakadse: |
von Dichter zu Dichter - eine persönliche Auseinandersetzung Emilian Galaicu Pãuns Yin Time
* von Michael Zoch veröffentlicht inLieber Traian, ich habe „Yin Time" von Galaicu noch nicht komplett durchgelesen, da ich, wie bereits gesagt, seit längerem Tag und Nacht an meinem eigenen neuen Gedichtband schreibe. Mein erster Eindruck ist dieser: Weite, Reichtum, Archaik. Es ist eine Weite in seinen Texten, die geradezu atemberaubend ist, eine Weite, die meinen eigenen Texten weitestgehend abgeht und daher sehe ich Galaicu vor allem auch als Gegenpol bzw. Antipode zu mir und meine eigenen Texten. Ich muss sogar ausdrücklich sagen, dass ich seine Weite gern hätte, sie mir aber natürlich nicht einfach so aufstülpen kann, wenn sie nicht authentisch und wahrhaftig in mir vorhanden ist bzw. nicht in der Form zum Ausdruck gelangt. Galaicus Gedichte sind form- und uferlos, wo ich Maß in der Form bin bzw. Maß in der Form halte und meine eigene Uferlosigkeit eher über die Sprache als solche kommt. Es ist ein großer Reichtum in seinen Gedichten, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann und soll. Sie erinnern mich seltsamerweise an byzantinische Mosaike oder orientalische Teppiche in ihrer verwirrenden Linienführung und ihrem überbordenden Bilderreichtum. Es ist dies eine vollkommen andere Welt als meine eigene, es ist sicherlich auch und vor allem durch und durch rumänisch, mit einer Prise Orient. Meine Welt ist zugleich und zu fast gleichen Teilen und gleichberechtigt nebeneinander Deutsch, Angloamerikanisch und Französisch, was sich sowohl an den Titeln meiner Texte als auch in Klang und Stimmung selbiger zeigt und ausdrückt. Mein Mythos ist das GUTE AMERIKA wie es von Walt Whitman, Jack Kerouac, Henry Miller, Bob Dylan, Johnny Cash, Neil Young, Woodstock repräsentiert wird, in mir ist, vor allem auch als Sehnsucht, die Weite des amerikanischen Kontinents und der Blues der großen Städte. Zugleich bin ich Franzose in der Vision, ich will „Champagnerlyrik", frivol, frech, spritzig, perlend, zärtlich und weich im Ton des Gesangs zugleich. Und ich bin Deutscher, innerlich, von einer gewissen Schwere. Galaicu ist in meinen Augen ganz Osten, ganz östliche Archaik im positivsten Sinne, er ist Erde, seine Gedichte schmecken nach richtigen, selbstgeernteten Kartoffeln. Er ist ganz und gar unberührt vom Westen und dabei ungemein authentisch und er selbst bzw. bei sich selbst. Galaicu ist eher Russland als Amerika und hat dabei etwas, was ich überaus befürworte und als richtig und gut empfinde: Mut zum Pathos! Es herrscht in der zeitgenössischen deutschen Lyrik so eine Tendenz, die ich etwas abfällig als „Mut zur Mittelmäßigkeit" bezeichne. Die zeitgenössische Deutsche Lyrik verrennt sich im Experiment um des Experiments willen und es mangelt ihr an wirklichem, echtem und großem Gefühl. Und genau dieses wird von vielen als Pathos diffamiert und abgekanzelt. Pathos ist richtig, wichtig und gut, wenn der Gefühlszustand pathetisch ist. Man kann nicht einen innerlich großen und pathetischen Moment kleinkon-struieren, nur weil man meint, Pathos sei als solcher schlecht, weil er Pathos ist und weil es ein pseudoavantgardistisches Dogma ist, dass Lyrik heutzutage abgeklärt, lakonisch, zynisch und quasi gefühlsneutral zu sein hat. Und genau dort setzt Galaicu an, indem er den Mut hat, pathetisch zu sein, wo Pathos seine Berechtigung hat und unbedingt von Nöten ist. Und auf dieser Ebene treffen sich unsere Texte nach meinem Empfinden auch und vor allem, bei allen vorhandenen Unterschieden. Es spricht da ein Dichter zu mir, der vollkommen anders ist als ich selber, dessen uferlose Formlosigkeit, vielleicht leider, nicht die meine ist, der aber nach meinem Empfinden mit erstaunlichem Mut und erstaunlicher Authentizität Ähnliches will wie ich. Pathos ist menschlich, urmenschlich und wenn der Dichter alles sagen will, dann muss ihm zwangsläufig auch das Recht zugestanden werden, pathetisch zu sein, alles andere wäre eine Beschneidung, im Grunde eine dogmatisch definierte Zensur. Ich empfinde Galaicus Texte gerade vor dem Hintergrund der zeitgenössischen deutschen Lyrik als Gegenentwurf, als überaus bereichernd und Horizonte öffnend, in mancherlei Hinsicht sind seine Texte ein Schlag ins Gesicht der zeitgenössischen lyrischen Kritzeleien auf poststrukturalistisch-medientheoretischer Basis. Galaicu schöpft direkt aus der Quelle, ja, IST die Quelle, wo so viele deutsche Autoren denktheoretisch zu Werke gehen und sich anscheinend ÜBERLEGEN, was sie denn mal Neues machen könnten, um etwas NEUES zu machen. Galaicu fließt, wo andere denken und Lyrik ist eben ganz ausdrücklich NICHT Denken, sie ist vielleicht im besten und schönsten Fall die Harmonie von Gesang und Gedanke, sie ist vor allem aber Fluss und im Fluss der Dinge sein, sie ist ihrem Ursprung nach Gesang, sie ist wild, unzähmbar und dionysisch. Und genau das finde ich in Galaicus Texten.
2. Ludwigsburger Literaturfest lockt zum Lesen und Lauschen - Großer Auftritt für kleine Verlage
Von Carola Stadtmüller
Es gibt Menschen, die keine Probleme haben. Menschen, die nie Fragen
stellen. "In ihren Reihen müssten jene zu finden sein, die - ohne es zu
wissen - am Geheimnis der Freiheit und des vollkommenen Glücks
teilhaben", heißt es im Drama "Schön Aussichten" von Traian
Pop. Wer also keinen blassen Schimmer hat, dem muss es gut gehen, oder? Pop,
der 2003 in Ludwigsburg seinen Pop-Verlag gegründet hat, hat mit diesem Thema
seine eigenen Erfahrungen gemacht. Der 1952 in Rumänien geborene Literat,
Publizist und Verleger ist Ende der 80er Jahre aus seiner Heimat fortgegangen,
weil es dort immer viel zu viel von Ceausescu gab. Kurz davor war Traian Pop,
als es dem rumänischen Diktator schon mächtig an den Kragen ging, mit seiner
Frau Maria Dorina auf der Straße seiner Heimatstadt Temesvar gegangen. Sie
haben gesungen und provoziert. "Da hatte ich Angst", erzählt die
Mutter von drei Kindern. Als das Stück ihres Mannes, des aufmüpfigen Autors,
das so eben auf die Bühne des Deutschen Staatstheaters gebracht worden war,
nach der Premiere verboten wurde, hatte sie keine Angst. Das renommierte
Deutsche Staatstheater Temesvar hatte sein 1986 geschriebenes Stück "Schöne
Aussichten" auf den Spielplan gesetzt. "Bis zur Generalprobe waren
die Herren noch nicht da gewesen", sagt er. Aber die kommunistischen
Machthaber kamen noch, und nach einer Aufführung war Schluss. Wer das Poem in
drei Akten liest, versteht, warum. Von Freiheit ist die Rede und der Macht der
Träume, deren leichte Beute der verführbare Mensch doch ist. Ein Wortschatz
mit bitterem Humor. "Oder sollte dir entgangen sein, dass Scherze noch
nie zum Arsenal der Mächtigen gehörten?", fragt eine der beiden
Hauptpersonen des Dramas. In einer der 40 Lesungen auf dem Literaturfest in
Ludwigsburg haben Anselm Roser und Andreas Riga die "Schönen
Aussichten" vorgestellt und ein nachdenkliches Publikum hinterlassen. Es
ist einfach erschreckend aktuell, was Pop vor 22 Jahren geschrieben hat.
Seit 2003 verlegt Traian Pop nun von Ludwigsburg aus viele osteuropäische
Autoren, aber auch Lyriker aus Frankreich, Deutschland und den USA. Der
Standort Ludwigsburg ist für ihn auch nach 18 Jahren noch eine gute Wahl.
Hier bleibt er. "Ich habe ein Land verlassen, ich will nicht noch eine
Stadt verlassen", sagt er. Auch wenn Ludwigsburg vielleicht kein
Autoren-Mekka sei, so existiere doch eine kleine Szene mit guten Autoren. Pop
verlegt Hellmut Seiler aus Remseck oder Uli Rothfuss aus Calw. Aber auch der
Nachwuchs liegt ihm am Herzen. So las gestern der 2008 mit dem Debüt-Preis für
Lyrik des Pop-Verlags ausgezeichnete junge Autor Henning Schönenberger aus
seinem Versroman "Sitte und Sittlichkeit".
Das zweite Literaturfest bot aber auch für viele andere eine Bühne: Die Immodestia-Bar in der Maxstraße oder die Get-Shorties-Lesebühne, der Maringo-Verlag und viele andere mehr lockten mit Lesestoff an ihre Stände im Kulturzentrum. Wer lieber lauschen wollte, war in der Kantine, dem Pavillon und im kleinen Saal bestens versorgt. Während des gesamten Festes war die Stadtbibliothek geöffnet und wurde reichlich besucht.
Ein Fest der Literatur aber zeigt sich nicht zuletzt auch daran, welche
Bindung Menschen zu Büchern haben. In jedem Stockwerk saßen die
Ludwigsburger und lasen oder plauderten über die Literatur und das Lesen. Und
aus dem dritten Stock schleppten Leseratten Bücher am laufenden Meter vom Bücherflohmarkt
nach unten. In Ludwigsburg wird gelesen - und wie.
27.10.2008 - aktualisiert: 27.10.2008 06:01 Uhr
Dato
Babarkadse: Den Faden weiterspinnen
veröffentlicht in
von 12 September 2008
BEZIEHUNGSMODELL
Russland
muss seinen Imperiumskomplex loswerden. Georgien muss sich der Weltkultur öffnen.
Anmerkungen zur Lage im Kaukasus
Ich wohne und arbeite in Tbilissi, in der Hauptstadt Georgiens,
wo im Sommer unerträgliche Hitze herrscht. Meine finanzielle Lage erlaubte es
mir nicht, mich mit meiner Lebenspartnerin und unseren drei Kindern inmitten der
schönen Bergwelt in Westgeorgien oder am Schwarzen Meer zu erholen, deswegen
blieben wir in Tbilissi. Außerdem musste ich noch meine Arbeit an den nächsten
zwei Bänden der Editionsreihe Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts zu
Ende bringen. Dieses Projekt habe ich vor drei Jahren begründet. Es ist
geplant, die wichtigsten österreichischen Dichter ins Georgische zu übersetzen
und in 30 Bänden herauszugeben. Die ersten vier Bücher sind schon erschienen
und in meinem Computer warten noch weitere vier druckfertige Bände dieser
Reihe, außerdem hunderte von Materialien, die ich für das Projekt seit vielen
Jahren in österreichischen Bibliotheken gesammelt, übersetzt, geschrieben,
notiert, kopiert habe. Und plötzlich schien die reale Gefahr auf, dass das
alles vernichtet werden könnte.
Gegenüber dieser Realität war ich ohnmächtig. Wie hätte ich meine Familie
gegen die drohenden Bomben verteidigen können? Wohin hätten wir flüchten
sollen? Und was würde mit dem von mir übersetzten Lyrikbändchen der österreichischen
und Georgien eng verbundenen Autorin Marianne Gruber geschehen, das ich mit großer
Begeisterung übersetzt habe und das schon in einer Woche in Tbilissi erscheinen
sollte? In diesen Tagen war ich nur daran interessiert, die Daten meines
Projektes, insgesamt vier Gigabyte, möglichst schnell im Internet zu speichern,
das heißt in der virtuellen Welt zu verstecken. Schon dieses Bild verstört
mich und scheint mir wie ein Zeichen: Wie sich ein Schriftsteller im 21.
Jahrhundert vor der realen Welt verteidigen und in die virtuelle Welt wechseln
muss, um Literatur zu retten, die eben für diese reale Welt geschaffen, übersetzt
und zusammengetragen wurde; die eben den Dialog zwischen verschiedenen Menschen
vermitteln soll, die dichterisch und kulturell aktiv sind.
Gleich nachdem die Gefahr, in Tbilissi bombardiert zu werden, gegenstandslos
geworden war, setzte ich die Arbeit an dem Projekt wie ein Verrückter fort. Das
war ein seelischer Zustand, den die Ärzte als "posttraumatischen
Stress" bezeichnen. Bis heute bleibe ich - wie alle georgischen
Intellektuellen - unruhig, denn es ist sichtbar, dass alles, was zurzeit in
Georgien läuft, über viele Fäden mit der Weltpolitik verbunden ist. Georgien
ist ein winziger und doch wichtiger Teil dieser politischen und kulturellen
Kette.
Wie hat die Mehrheit der Bevölkerung auf die Militäraktionen reagiert? Ganz
unterschiedlich. Die Reaktion der USA und des Westens hat die allgemeine
Stimmung eindeutig positiv beeinflusst. Die Georgier hatten das Gefühl, nicht
allein gelassen zu werden. Die Leute, die Russland als wichtigstes Partnerland
betrachteten, das Georgien und den ganzen Kaukasus vor der USA zu verteidigen
hat, waren natürlich sehr enttäuscht. Selbst bei ihnen wuchsen die Zweifel,
dass die Russen die Rechte der Zivilbevölkerung respektierten.
Trotz alledem sendet das georgische Volk keine Botschaft der Verzweiflung an die
Welt. Wir Georgier verstehen und respektieren die kulturelle Sprache der
modernen Welt. Und da liegt für mich das Problem Russlands. Dieses Land pflegt
ein veraltetes Beziehungsmodell. Russland kommuniziert mit der Welt nicht nur in
einer veralteten, sondern gleichsam in einer ausgestorbenen Sprache: Verglichen
mit den ausgestorbenen Sprachen, die ihre historisch-kulturelle und
philologische Bedeutung niemals verlieren werden, hat die russische
politisch-kulturelle Sprache ihre Bedeutung aber schon lange verloren. Sie ist
nicht nur unbrauchbar und unverständlich, sondern auch gefährlich für die
kulturelle Welt, denn diese Sprache basiert nicht auf der Philosophie der
Partnerschaft mit anderen Ländern. Wo bleiben in dieser Situation die Stimmen
der russischen Intellektuellen gegen die überzogenen Reaktionen ihrer
Regierung? Nur wenn es den russischen Schriftstellern, Künstlern, Philosophen
und Wissenschaftlern gelingt, sich von der Tradition des Chauvinismus zu
trennen, wird die restliche Welt ihre Stimme hören und akzeptieren.
Was die aktuelle Krise anbetrifft, muss man vielleicht an die Vorgeschichte des
aktuellen Konflikts erinnern. Schon vor 200 Jahren hatte Russland damit
begonnen, den Kaukasus zu erobern. Wir Georgier waren in unserer Geschichte
immer auf der Suche nach Partnern und Freunden, die uns behilflich sein könnten,
unsere Identität zu verteidigen. Deswegen hat Georgien im Jahr 1783 einen
Freundschaftspakt mit Russland geschlossen, den Russland aber bald einseitig
aufgekündigt hat. Im Jahr 1801 hat es das Königtum in Georgien abgeschafft.
Der Prozess der Annexion Georgiens dauerte lange, und Russland hat ihn im Jahr
1864 mit der Annexion des Fürstentums Abchasien beendet. Danach hat Russland
immer das Ziel verfolgt, sowohl Georgien als auch den ganzen Kaukasus zu
russifizieren. Was immer man den Kaukasus-Länder vorwerfen kann - darf man
ihnen verübeln, dass sie vor diesem Hintergrund allergisch gegen den
Imperiumskomplex der Russen geworden sind? Sie haben zu oft die Erfahrung
gemacht, dass Russland die altrömische Strategie benutzt, die Einheit der
umgebenden Völker zu spalten und sie gegen einander zu treiben. Von diesem
Komplex muss sich das Land befreien.
Ich kümmere mich wenig um Politik. Schon vor über 15 Jahren habe ich meinem
Buch Poesie und Politik die Ansicht formuliert, dass sich diese zwei
wesentlichen menschlichen Äußerungsformen eigentlich fremd gegenüberstehen.
Trotzdem beeinflussen sie sich sehr stark. Aus historischer Sicht sind die
Beziehung zwischen Russland und Georgien sehr vielschichtig. Diese Länder
verbindet nicht nur Feindschaft, sondern auch eine lange Geschichte enger
politischer und kultureller Kontakte. Gleichzeitig fühlte sich Georgien
beleidigt, wurde unser Land unbegreiflicherweise doch immer wieder bestraft für
seine Treue zu Russland. Und leider hat Russland oft genug versucht, einerseits
die kulturellen Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationen des Kaukasus zu
behindern und andererseits den kulturellen Dialog zwischen dem Kaukasus und dem
Westen zu stören.
Damit ich nicht einseitig wirke: Ich bin in meinem Land als unaufhörlicher
Kritiker des georgischen Lebensstiles und einer besonderen Mentalität bekannt,
die alle Bereiche des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in Georgien
erobert hat. Dieser Lebensstil ist emotions- und konsumgesteuert. Er richtet
sich nach wechselnden Moden, ist hedonistisch und wird nicht, wie die
Philosophen sagen würden, von "geistigen" Interessen geleitet. Natürlich
gibt es das bei vielen anderen Nationen auch. Aber in Georgien ist dieses Manko
sehr stark ausgeprägt. Allerdings wurzelten diese Fehlentwicklungen auch in der
tragischen Geschichte unseres Landes. Selten gab es in der georgischen
Geschichte eine Zeit der Ruhe, unsere Identität mussten wir immer gegen mächtigere
Länder oder Imperien verteidigen.
Was Russland und Europa von einander unterscheidet, ist, dass Russland immer
noch von seiner sowjetischen Vergangenheit geprägt ist. Der Westen hat sich in
einem langen, widersprüchlichen Lernprozess von seiner kolonialistischen Praxis
einigermaßen verabschiedet, auch wenn sie immer noch hier und da wieder
aufscheint. Nicht unbedingt aus humanistischen, sondern aus rein pragmatischen
Gründen: Die Dialektik der Opposition Herrscher-Knecht schädigt nicht zuletzt
eben auch die Interessen des Herrschers. Die Philosophen kennen den genialen
Paragraphen aus Hegels Werk Die Phänomenologie des Geistes, aus dem man diese
Moral herauslesen kann. Vielleicht sollte sich Russland auch auf diesen Weg
begeben.
Georgien hat einen großen Lernbedarf. Das Bestreben, sich der Welt als ein Land
zu zeigen, in dem eben die Kultur den Ton angibt, ist nicht sehr weit
entwickelt. Gering sind die Anstrengungen, sich nicht nur als ein Land zu präsentieren,
das sich in der großen kulturellen Vergangenheit sonnt, sondern in dem auch die
zeitgenössische georgische Kultur geschätzt und unterstützt wird. Denn die
Realität sieht so aus: Die Kultur wird heute in Georgien als Ergänzung zu
Politik und Wirtschaft betrachtet. Ich persönlich werde mich nur dann glücklich
fühlen, wenn es Georgien gelingt, sich an den europäischen Diskursen der
Gegenwart auszurichten und nicht einzig an unserer kulturellen Vergangenheit
oder der geopolitischen Gegenwart. Vor allem dürfen wir die Funktion eines
russischen Satelliten nicht gegen die eines geopolitischen Faustpfands des
Westens eintauschen. Meine Vorstellung von einem Georgien der Zukunft sieht
anders aus: Georgien muss sich der Weltkultur öffnen und nützlich für sie
werden. Dazu ist es aber notwendig, die Kultur zu stärken und ihre Grundlagen
zu rationalisieren: die Funktion, die in den großen und reichen Ländern Mäzene
und private Stiftungen haben, muss in Georgien der Staat übernehmen. Nur so lässt
sich die Kultur bei uns strukturell und dauerhaft stärken.
Alles braucht seine Zeit. Ich bin fest davon überzeugt, dass die europäischen Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht für immer nur Ideale bleiben werden. Es wird der Menschheit einmal gelingen, diese Ideale erst in ihrem Herzen und dann in der Welt zu verwirklichen. In Georgien und in Russland. Einen Vorteil hat der posttraumatische Stress für mich selbst letzten Endes doch gehabt. Denn in den schrecklichen Augusttagen in Tbilissi ist es mir nun endgültig gelungen, auf die Grundsatzfrage "Wozu Dichtung?" meine eigene Antwort zu finden. Diese Antwort ist einfach: damit die reale innerliche Welt, auf der die reale äußere Welt basiert, nicht aufhört, sich zu drehen; damit der Wille zur Dichtung und das heißt: der Wille zum Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen, für immer fortgesetzt werden kann.
Rheinische Post von 15.02.2008
|
für Dr. H.C. Dieter Schlesak
Die Kunststiftung Baden Württemberg verlieh unserem Redaktionsrat-Mitglied den Preis am 28.11.2007 im Literaturhaus Stuttgart. Anbei ein Auszug aus dem 2005 veröffentlichten Interviewmit dem ausgezeichneten Dichter.* „Ich bin ein Grenzgänger, auch in Dingen des Wohnsitzes und der Landeszugehörigkeit. Eigentlich aber bin ich in * Rodica Draghincescu: Schreibenleben, POP-Verlag, 2005 |
Deutschland, Rumänien, Italien; drei Leben, drei Erfahrungen, Schreiben in der Muttersprache Deutsch in fremder Umgebung. Mein Trauma, aber auch mein Erkenntnismittel ist das Nicht-Dazugehören. Schon in Bukarest, bevor ich Deutschland kannte, bevor ich überhaupt die Grenze des Landes überschreiten durfte,Du musst Jude sein. Stimmt es etwa nicht? Von Marina Zwetajewa, der russischen Lyrikerin, stammt ein erhellendes Wort: Bce poety jidy – alle Dichter sind Juden, d.h., sie bleiben immer Fremde und sie gehen einem Handwerk nach, das, laut Paul Celan, keinen goldenen Boden, sogar überhaupt keinen Boden hat. Identität gibt es also für diese »Fremden« nur punktuell, nämlich im Augenblick der inspirierten Selbstherstellung via Schreiben, denn Sprache ist der einzige feste Boden, die stärkste Kraft dieses verhinderten Vogels, der da Mensch heißt, mit dem Vogel freilich im Kopf.“ Schlesak erhielt den Preis für sein Gesamtwerk. Schon mit dem Debütroman Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens (ein Panorama des vergangenen Jahrhunderts, eine Sondage von Europas Untiefen) war er 1986 seiner Zeit voraus. Es folgten zahlreiche Romane, Gedichtbände, Essays, die ein so vielstimmiges wie eigenwilliges Gesamtwerk entstehen ließen und dessen Wirkung in keinem Verhältnis zu seiner großen Bedeutung steht. | ||
|
für unseren Redakteur Stefan Gemmel
|
Für seinen besonderen Einsatz, vor allem für seine außergewöhnlichen Lesungen, in denen er spannend, lustig und informativ zugleich Kinder und Jugendliche für das Lesen begeistert, sowie für sein ehrenamtliches Engagement in der literarischen Nachwuchsförderung, wurde ihm im September vom Bundespräsidenten Horst Köhler in Berlin das Bundesverdienstkreuz verliehen. Das Redaktionsteam von Matrix freut sich, einige literarische Texte dieser von Gemmel geförderten Jungtalente bereits in unserer Debüt-Rubrik veröffentlicht zu haben. Wir gratulieren Stefan für diese hohe Anerkennung und wünschen ihm weiterhin große Erfolge! Leider wird er aus persönlichen Gründen seine Arbeit und sein Engagement als Matrix-Redakteur nicht mehr fortsetzen; dennoch bieten wir -so wie bisher - ihm und seinen „Entdeckungen" die Seiten unserer Literatur- und Kulturzeitschrift an. |
|
Pop Verlag Ludwigsburg, Stuttgarterstr. 98, 71638 - Ludwigsburg, Alle Rechte vorbehalten. Copyright © 2004 Traian Pop |